Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #16 – Hör- Hilfe

Hör-
Hilfe

Hach, was habe ich frohlockt, als «Bad Magic» endlich da war! Tagelang habe mit meine Nachbarschaft mit Lemmy und seinen Freunden beschallt und im Auto meine Ohren bis an die Schmerzgrenze belastet. Man muss wissen: Lemmy ist Rock’n’Roll. Lemmy ist der Grösste. Für immer. Lemmy stirbt nie, auch wenn er zurzeit ein bisschen hüstelt. Lemmy ist Gott. Mehr noch: Grad weil er ein bisschen hüstelt, grenzt es an ein Wunder, dass man bei «Bad Magic» rein gar nichts davon merkt. Aber ich fragte mich, warum denn die Songs so breiig klingen. Das kann doch nicht sein, dachte ich, dass Lemmy ein «Ace Of Spades»-ebenbürtiges Album macht und dieses dann so scheisse abmischen lässt – auch wenn er auf einem Ohr taub ist.
Nun ergab es sich, dass ich dieser Tage bei der Hörberaterin meines Vertrauens war und diese feststellte, dass es bloss eine Frage der Zeit sei, bis ich mir ein Hörgerät hinter die Ohren klemmen muss. Sie sagte, nach über 30 Jahren Heavy Metal könne ich den Gehörschaden bei der Suva melden. Berufsrisiko. Ha ha. Aber ein Testlauf mit diesem Phonak-Ding führte zu einem verblüffenden Ergebnis: «Bad Magic» klang plötzlich rein und klar und sauber, wie die Harven der Engel. Jetzt war ich noch mehr begeistert vom neuen Motorhead-Release.
Das stimmte mich natürlich euphorisch. Zuversichtlich schob ich deshalb auch «Repentless» von Slayer in die Lade in der Hoffnung, dass auch dieses Album besser werde. Siehe da: Was für ein wundervolles Werk. «Psychic Warfare» von Clutch: Halleluja! «Rolling In Town» von 42 Decibel: Hosianna! Und dann kam «Book of Souls» von Iron Maiden. Und es passierte: nichts. Ich versuchte es erneut, und es passierte: Wieder nichts. «Book Of Souls» blieb ein langweiliges Album.
Kann mir mal jemand erklären, was an «Book Of Souls» so grandios sein soll? Ich höre darauf nur Songs, die halb so schnell sind wie «Running Free» und halb so interessant wie «Powerslave» und halb so viel Kraft haben wie «Purgatory». Kurz: da hilft auch das beste Hörgerät nichts.
Trotzdem blieb ich natürlich hartnäckig und nahm als nächstes das Lindemann-Soloalbum wieder aus dem Regal. Aber auch das wurde nicht besser: Es bleibt ein Album, das die Regel bestätigt, dass ein Soloalbum mit der bestehenden Band besser herausgekommen wäre. Die neue Powerwolf? «Preachers Of The Night» war ohne Hörgerät kompakter.

Schliesslich kam ich zur Einsicht, dass ein Hörgerät den Hörgenuss verstärkt – aber dass es kein einziges Album besser macht, als es ist.
Schade eigentlich. Wäre es nicht wunderbar, wenn es ein Gerät gäbe, das all die langweiligen und mittelmässigen und schlechten und grottenschlechten Alben einfach besser machen würde? Das wäre, wie Louis Armstrong vor vielen Jahren sang, eine «Wonderful World».
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 6 15 (November/Dezember 2015)

Christian
About Christian Hug 143 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

Be the first to comment

Leave a Reply