UrRock @ Senkel – Stans

25./26. Oktober 2019

«Wir haben auf unserer aktuellen Tournee über hundert Konzerte gegeben», sagt Kissin’-Dynamite-Sänger Hannes Braun, «und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut es tut, wieder im deutschsprachigen Raum zu spielen – das ist unser einziges Konzert in der Schweiz!» Und die Band macht weiter, volle Pulle vorwärts, in allerbester Spiellaune und nach ebendiesen hundert Konzerten in Live-Höchstform, kein Vergleich zu den Alben.

Nun ja, Kissin’ Dynamite spielen eine Art Bon-Jovi-Rock, aber eben voll sec und mit viel Metal drin, das macht grosse Freude, auch wenn man Bon Jovi nicht mag. Bei Kissin’ Dynamite drehen die Ventilatoren auf Hochtouren für den optimalen Wind im Haar, die Hemden aufgeknöpft bis an den Bauchnabel, durchgehend Publikumsanimation. Aber das ist voll okay, Kissin’ Dynamite verbreiten Spass und Freude, es wird eine Rockparty von Band und Publikum gemeinsam, im Gegensatz zu der üblichen Ich-kann-euch-nicht-hören-Publikumsanmache. Herrlich.

Willkommen in der Provinz, man könnte sogar sagen: Auf dem Land, in Stans, Nidwalden, wo drei Jungs schon zum zweiten Mal das zweitägige Festival UrRock durchführten. «Wir sind jahrelang nach Zürich gepilgert, um mittelmässige Konzerte zu sehen», sagt Stephan Brüderlin, einer der drei Freunde, «und irgendwann dachten wir uns: Das organisieren wir lieber selber.» Gesagt getan: Letztes Jahr spielten unter anderem die Emil Bulls, Chakra und Exilia, das war eine Art Anlauf, gute Musik, aber mässig besucht, die drei Freunde haben draufgelegt – und für die diesjährige Ausgabe munter nach vorne geschaut: Dieses Jahr spielten neben Kissin’ Dynamite auch Primal Fear und Rage, beide aus Deutschland, Eclipse aus Schweden, die Lokalmatadore End of Silence und Wielander sowie die Schweizer Grössen Sickret und Emerald, Blackening aus Österreich, Kalidia aus Italien, Doctor Victor aus Tschechien und Fury aus England. Das Line-up und der Durchhaltewillen haben sich gelohnt: Mit 450 beziehungsweise 700 Besucherinnen und Besuchern war das Festival zumindest am zweiten Tag ausverkauft, die drei Freunde kommen nun finanziell über die Runden. Das ist mutig, da ziehen wir respektvoll unseren Hut.

Spielen in der Provinz? Das gefällt den Bands! «Anfangs sind sie immer etwas skeptisch, wenn sie in Stans ankommen», sagt Stephan Brüderlin, «aber nach den Konzerten sind sie immer so begeistert, dass sie sich für nächstes Jahr gleich wieder anbieten.»

Und Rock in der Provinz? Eine ganz eigene Geschichte! Weil sich die Rock-Welt schon mal im eigenen Kanton manifestierte, waren im Publikum auch Leute zu sehen, die mit Heavy Metal wenig am Hut haben, sich aber das Ganze mal in echt anschauen wollten. Andere warfen sich für den Anlass in mehr oder weniger passende H&M-Kleidung, was zusammen mit den sogenannten Die-Hards, den echten Metallern, insgesamt eine etwas sonderbar heterogene Publikumsmischung ergab. Aber auch das war okay, Rock ist für alle da.

Nun denn: Der Freitag: Wielander spielten Vorwärtsrock, kamen aber irgendwie nicht vom Fleck, wieder mal. Fury starteten dann den Motor mit emotionsgeladenem, melodiösem Metal, einem komplett verjästen Sänger und einer überaus virtuosen Bassistin. Herrlich. Sie spielten schon letztes Jahr am UrRock und waren dieses Jahr back by popular demand – zu recht. Eclipse spielten genau diese Art von Bon-Jovi-Rock, der das Publikum in zwei Gruppen teilt: Diejenigen, die schmalzgelockte Lederhosensänger nicht ausstehen können, vergnügten sich in der Festhütte mit mässigem Bier und lausigen Burgern, die anderen jubelten der schwedischen Schmalzlocke zu. Rage lieferten anschliessend ein kompaktes Rage-Metal-Set, und End of Silence dröhnten zum Abschluss ihr Todesblei.

Der Samstag: Unser Mann von Tracks, Michael Vaucher, kann auch Gitarre spielen, und das tat er mit Emerald zuverlässig herrlich! Doctor Victor brachten mit viel 70er-Blues-Einschlag ebenso viel Spass auf die Bühne. Blackening kamen auch schon das zweite Mal ans UrRock, vermochten aber mit ihrem Metallica-orientierten Thrash wiederum nur mässig zu überzeugen. Kalidia spielten einigermassen okayen Symphonic Rock, aber warum wirkte die Sängerin immer so, als stünde sie zum ersten Mal auf einer Bühne und wüsste nicht was mit sich selber anfangen? Danach eben Kissin’ Dynamite und anschliessend Primal Fear: Die Band mit den mit Abstand lausigsten Hosen weit und breit, dagegen wirkt der Sabaton-Sänger wie ein Modefuzzi. Aber hey: Sänger Ralf Scheepers (mit Krücken) hat einer der besten Stimmen der Heavy-Metal-Welt, er bringt locker das, was Rob Halford altershalber nicht mehr kann. Geiler klassischer Metal! Aber irgendwann wird das Seid-ihr-bereit-ich-kann-euch-nicht-hören-jetzt-nochmal echt zuviel. Zum Schluss bretterten Sickret ihren Metal-Rap, 15 Jahre zu spät, aber vollgeil.

Es war schön. Metal auf dem Lande ist herrlich. Und es geht weiter: Weil nächstes Jahr noch grössere Bands kommen, braucht das UrRock eine grössere Bühne und einen grösseren Saal. Das dritte UrRock wird deshalb in Sarnen stattfinden. Ist auch auf dem Land. Yeah! Bereits gebucht sind Orden Ogan, sie werden 2020 ihr einziges Schweiz-Konzert im Obwaldner Hauptort spielen. Und Kryptos, Indiens einzige und coolste Thrasher, werden überhaupt zum ersten Mal in der Schweiz spielen. Da werden wir selbstverständlich wieder hingehen.

Christian Hug

Bilder: André Niederberger

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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