Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #6 – Jah Love!

Jah Love!

Da steht also Frederick «Toots» Hibbert auf einer Bühne in Richmond, Virginia, USA, spielt seine Reggae-Hits von Toots and the Maytals und obendrein John Denvers «Take Me Home, Country Roads», weil es geografisch grad gut passt, wir sind schliesslich im Tabakland Virginia, und Tabak ist nötig, um Joints zu drehen. Die Stimmung ist gut. Bis ein Volltrottel aus dem Publikum eine 1,75-Liter-Wodkaflasche auf die Bühne wirft – Kopftreffer! «Pressure Drop» sozusagen. Toots’ «World is turning», er geht k.o. mit einer Platzwunde, die im Spital mit sechs Stichen genäht werden muss. Das war im Mai letzten Jahres.
Seither leidet Toots an Gedächtnisverlust und Kopfschmerzen und der Unfähigkeit, neue Songs zu schreiben, und das Schlimmste: Er hat nun dermassen Schiss vor Menschenansammlungen, dass er sich nicht mehr traut, Konzerte zu geben. Sagt jedenfalls sein Anwalt. Und der muss es ja wissen. Er und Toots schossen im Juni scharf zurück: eine Schadenersatzklage über 21 Millionen Dollar gegen den Flaschenwerfer William Connor Lewis. Das Gericht tagte letzten Dezember und disputierte darüber, William Connor Lewis wegen seines Flaschenwurfs für sechs Monate hinter Gitter einzusperren.
Und jetzt wird’s lustig: Gefängnis?, dachte sich der bekennende Christ Toots, und erschrak. Nein, dachte sich Toots, Gefängnis ist im Fall extrem übel, da wird man gequält und drangsaliert und in der Dusche darf man sich auf keinen Fall nach der Seife bücken, habt ihr denn nicht meinen Welthit «54-46 That’s My Number» gehört, in dem ich über meinen eigenen Knastaufenthalt wegen Marihuanabesitz singe? Also steckt den armen William bitte nicht in den Knast!
Diese Bitte stellte Toots jedenfalls schriftlich an das Hohe Gericht beziehungsweise sein Anwalt tat es, denn Toots war wegen Kopfschmerzen nicht persönlich anwesend. Ein netter Mensch, dieser Toots. Hat erkannt, dass die Tat von William, wie dessen Verteidiger zugab, «monumental dumm» gewesen ist, und will ihn nun vor Knastjammer und Gefängniselend retten.
Aber jetzt wird’s erst richtig lustig: Im gleichen Atemzug liess Toots verlautbaren: William soll zwar nicht ins Gefängnis, aber hey, die 21 Millionen Schadenersatz, die soll er im Fall trotzdem zahlen! Wir wissen ja warum: Wegen der Bühnenangst. Und das sagt einer, der seit mindestens 55 Jahren auf der Bühne steht (Toots ist 72). Also lieber diesem kleinen Wichser das Leben zerstören, denn woher soll ein 19-Jähriger 21 Millionen nehmen, als ihn bloss sechs Monate hinter Gitter stecken.
Wir sehen: Auch Jah Love kennt ihre Grenzen. Dass Toots einst inbrünstig «Peace, Perfect Peace» und «True Love» gesungen hat? Spielt keine Rolle! Was zählt, ist das: «Knock Out», nach Toots’ gleichnamigen Album von 1984. William bekam sechs Monate Knast. Und Geldstrafe.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 2 14 (März/April)

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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