Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #19 – Punk? Dead!

Punk?
Dead!

2016 ist also ein Punk-Jahr, entschuldigung, ein Punk-Jubiläumsjahr beziehungsweise ein Punk-Gedenkjahr. Dazu, liebe Kinder, erzähl ich euch eine schöne Geschichte: 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihr Debütalbum «Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols». Sie wetterten darauf gegen alles und jeden, insbesondere gegen die englische Königin, fluchten, rotzten, wollten das ganze Establishment auf den Mond schiessen, und Bassist Sid Vicious schoss sich dann bald darauf per Heroin selber ab. Erfinder der Band war Malcolm McLaren, der mit seiner Gattin Vivienne Westwood grad die Kleiderboutique «Sex» führte und die Sex Pistols eigentlich als Werbegag für die Boutique verstand.
Ähnlich wie Jahre später Nirvana traten die Sex Pistols aber unverhofft eine Welle aufgestauter sozialer Wut los, die als Punk das Musikverständnis und die Musik als solche und auch ein bisschen die Gesellschaft umkrempelte.
Vivienne Westwood kreierte dann lustige Mode mit Sicherheitsnadeln drin, Malcolm McLaren begann selber Musik zu machen, die Sex Pistols gingen spektakulär unter, und irgendwann passierte das, was mit allen Jugendbewegungen passiert: Die Akteure wurden älter, gingen einer geregelten Arbeit nach und wurden bürgerlich, man kann ja nicht ewig wütend sein. Und das Establishment machte das, was es immer tut, wenn es einen Feind nicht besiegen kann: Es machte Punk zum Teil seiner selbst.
2016 ist nun also Punk-Gedenkjahr, und sogar die Queen hat offiziell ihren Segen zur Durchführung einer Punk-Gedenkveranstaltung ereilt. Das wiederum – jetzt kommts – brachte Joseph Corré, den Sohn von McLaren und Westwood, schampar schauderlich in Rage. Das sei, trompetete er, «das Erschreckendste, das ich je gehört habe». Skandal! Schlimm! Alles Scheisse! Punk’s not dead, will er uns mit seiner Tirade mitteilen.
Nun muss man wissen, dass Joseph Corré 1994 mit seiner damaligen Frau Serena Rees das Dessous-Label Agent Provcateur gründete. Ihr wisst schon, das ist diese verschnörkelte Unterwäsche für Frauen, die für ein Minimum an Stoff ein Maximum an Geld ausgeben wollen. 2007 verkaufte das mittlerweile Ex-Ehepaar das etablierte Label für sagenhafte 60 Millionen Pfund.
So. Und nun also meine Frage: Was haben 60 Millionen Pfund denn mit Punk zu tun? Und warum haben die Punk-Memorabilia, die Herr Corré demnächst als Zeichen des Protests öffentlich verbrennen will, nach eigenen Angaben einen Wert von 5 Millionen Pfund? Eben. Da kann man als sozialisierter Ex-Punk nur den Mittelfinger ganz steif durchdrücken und klar und vernehmlich sagen: Fuck you.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte, was selbstredend auch für das Album gilt, das er und seine unbebrillten Freunde für dieses Jahr angekündigt haben. Und wenn wir grad dabei sind: Who the fuck will Axl Rose bei AC/DC?

Tracks 3 16 (Mai/Juni 2016)

Christian
About Christian Hug 159 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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