SIGUR RÓS Kveikur

SIGUR RÓS Kveikur

SIGUR RóS

Kveikur

Beggars/XL/Musikvertrieb

 

em. Die Postrockband Sigur Rós aus Island ist längst kein Geheimtipp mehr. Was früher sphärischer, düsterer und schwermütiger Underground war und einen gespenstischen Hauch in den Klängen hatte, ist in den letzten Jahren zunehmend dem fast radiotauglichen Pop gewichen. Die mit dem Geigenbogen gespielte Gitarre gehört schon lange der Vergangenheit an. „Kveikur“ heisst der neuste Output und der Opener „Brennisteinn“ zeigt eine neue frische Seite an Sigur Rós. Es klingt lauter und brachialer als sonst und steht den Nordländern gut zu Gesicht. Es folgt das Stück „Hrafntinna“, welches den Hörer unweigerlich dazu verleitet es mit früheren Kompositionen zu vergleichen. Grundsätzlich funktionieren Sigur Rós leider immer gleich. Unglaublich kühle Sounds, welche auf melancholischen und bittersüssen Melodien getragen werden, um dann fast in einem majestätischen Moment zu gipfeln. Das Tempo wird wieder reduziert, und Sänger Jónsis feine, zierliche und hohe Stimme verstummt zum Ende hin, das in diesem Falle mit Trompetenklängen ziemlich eigenständig gestaltet wird. „Ísjaki“ ist der dritte Track und lässt dem Unerwarteten leider keinen Raum. „Yfirborð“ weist für einen Atemzug dann wieder diese beklemmenden und düsteren Momente auf, die Sigur Rós eigentlich einmal ausgemacht haben. Der schnelle (aber wenigstens sehr dezente) Beat im Hintergrund gehört da aber definitiv nicht hin und stört die Stimmung. „Stormur“ und „Kveikur“ sind wieder laute Songs, die wirklich ziemlich gut sind, aber der Wermutstropfen der nicht vorhandenen Überraschungsmomente bleibt. So auch bei „Rafstraumur“, das irgendwie so dahinplätschert. Mal leise, mal recht kraftvoll. „Bláþráður“ tanzt da auch nicht weiter aus der Reihe. Das instrumentale Schlusslicht „Var“ gestattet dem Hörer eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Ein wunderschöner, aber leider zu seltener Augenblick! Man kann es drehen wie man will: Sigur Rós haben sich verändert. Zur Freunde der einen, die es befürworten, dass die Musik nun nicht mehr so schaurig und dunkel klingt wie noch vor einigen Jahren. Zum Leidwesen der anderen, die es bedauern, dass die Isländer nun fast schon beschwingt musizieren. Fakt ist aber, dass Sigur Rós mit „Kveikur“ ein solides Album abliefern, das vor allem neueren Fans gefallen wird. Diese neun Lieder wirken trotz zunehmendem Mainstream-Charakter noch immer eigenständig, unterkühlt und speziell, so wie die Isländer im Allgemeinen eben sind.

Hanns
About Hanns Hanneken 527 Articles
Hanns, der Gründer von TRACKS, ist der CH-Musikszene seit den 80er-Jahren als Produzent, Musiker und Redaktor eng verbunden. Er war jahrelang Chefredaktor des Schweizer Musikmagazins MUSIC SCENE, des deutschen Magazins MUSIK SZENE und arbeitete für u. a. MUSIK EXPRESS, METAL HAMMER.