LAURIE STYVERS Gemini Girl

LAURIE STYVERS
Gemini Girl
High Moon Records

«Gemini Girl» wirft Licht auf die Geschichte einer talentierten Künstlerin, die ebenso schüchtern, warmherzig wie auch sensibel und traurig war. Diese Charaktereigenschaften sind nicht gerade förderlich, um sich im rauen Dschungel der Musikbranche zu behaupten. Die aus Houston, Texas, stammende Amerikanerin begann in den späten 1960er Jahren als Backgroundsängerin der englischen Psych-Folk-Band Justine. Styvers war mit ihrer Familie Mitte der 1960er Jahre nach England gezogen, weil ihr Vater als Ingenieur in Europa eine Anstellung fand. Mit Justine veröffentlichte sie 1970 ein einziges Album. Damals war Styvers gerade 19 Jahre alt. Sie stieg aus, ging zurück nach Colorado und begann Songs für Debüt «Spilt Milk» (1971) zu schreiben. Einige wurden beeinflusst von ihrer romantischen Beziehung zu Justine-Produzent Hugh Murphy, die aber nicht glücklich endete.  Murphy hatte für Styvers auch einige Texte geschrieben,  beispielsweise «Five Leaves Left» oder «Open Your Window». «Spilt Milk» eröffnet mit «Beat The Reaper», das etwas an Tim Hardin mahnt. Die Mitglieder von Justine tauften ein Haus, in dem sie eine Zeit lang lebten «Beat The Reaper» (Nach einem Sketch des Firesign Theaters). Im Text geht es um Drogenkonsum, genauer um die «Liebesdroge» MDA (synthetische halluzinogene Droge). Der ¾ Takt gibt den Song etwas Beschwingtes. Das sanfte, Piano getragene «Imagine That The Lights Have Gone Out» ist eine Freude für jeden Liebhaber von 1970er Pop. Ebenso ist dies der Song «Gemini Girl», der dieser Wiederveröffentlichung den Namen gibt. Sanftheit, Drama und Vielschichtigkeit machen diesen Song aus. «Gemini Girl» ist wunderbarer Barockpop mit einem Pianosolo von Styvers. Der Text handelt von den romantischen Beziehungen von ihr und ihrer Freundin Leigh Stevenson. «Pigeons» klingt verspielt (man beachte die Tuba) und fröhlich und mahnt zuweilen an Brian Protheroe. «Leo Loves You« ist pure Schönheit und eine Wohltat für die Gehörgänge. Im ebenso barock-poppigen «Seasonal Blues» steckt viel Klasse und Anmut. Zum Abschluss von «Spilt Milk» gibt es mit dem flotten «Open Your Window» Ausflüge in den Country (inklusive Fiddle) und Brassrock. Als Bonustracks enthält die erste CD der 2-CD Box «Gemini Girl: The Complete Hush Recordings» neben Demos und alternativen Versionen mit «Let Me Comfort You» und «God Knows The Reason» auch zwei unveröffentlichte Songs. Ersterer enthält Gospel-Elemente. Das leise Piano getragene «God Knows The Reason» ist wahrscheinlich ein ungenutzter Justine-Song. Styvers zweites Album «Colorado Kid» erschien zwei Jahre später. Der Auftakt «You Are My Inspiration» enthält wieder Gospel-Elemente. Die elf Songs offenbaren King Carole, neben Joni Mitchell, als gewichtigen Einfluss. Carole King hatte 1971 ihr erfolgreichste Werk «Tapestry» veröffentlicht. Songs wie «All American Long Haired Denimed Songwriting Guitar Man» oder «You Can Fly Me To The Moon» zeigen aber auch weitere Facetten von Laurie Styvers. Ersterer, das Bill Behnke, einem Gitarristen und dem damaligen Freund von Styvers gewidmet ist, ist eine wunderbar humorvolle Noveltynummer. «You Can Fly Me To The Moon» zeigt dezente Bossa-Nova-Anleihen. In «You Be The Tide, I’ll Be The Bay», das einzige Lied, das mit Hugh Murphy entstand, ist ein psychedelischer Sitar zu hören. In «There’s Still Time (Follow Your Heart)» fällt der wohlige Backgroundgesang und der erstmalige Einsatz eines Saxophones auf. Und der wunderbar fliessende Titeltrack glänzt mit einem Piano-Zwischenspiel. «Colorado Kid» ist wie der Vorgänger ein wunderbares, vielschichtig, tiefgehendes Album. Auch die Bonustracks, z.B. das wehmütige «The Way It Should Stay»  oder die beseelte Ballade «If You Don’t Write Me Soon» zeigen kein anderes Bild. Trotzdem ging das Album sang- und klanglos unter. Laurie Styvers unternahm 1976 noch einmal einen Anlauf. In der Discozeit gab es leider keinen Platz mehr für Singer-Songwriterinnen. Von da an widmete sie sich zusammen mit ihrem Vater der Pflege von u.a, streunenden Tieren. Die Musik gab sie aber nie ganz auf. 1998 verstarb Laurie Styvers im Alter von nur 46 an Hepatitis, die sie wahrscheinlich durch ihre Arbeit als Tierpflegerin bekam. Ein trauriges Ende. Wenigsgtens lebt sie durch ihre Musik weiter, die endlich als Ganzes wieder erhältlich ist. 

Roebi
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