Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #41 – Angeeignete Abneigung

Angeeignete
Abneigung

Schade, haben weder Bob Dylan noch Neil Young letztes Jahr ein Album veröffentlicht, weil dann hätte das Magazin «Rolling Stone» seine Superlieblinge wieder mal zu den Musikern der Jahres krönen können, jetzt ist es halt Liebling Elvis Costello geworden, und immerhin ist Liebling Bruce Springsteen auf dem Titelbild der Jahresrückblick-Ausgabe, er versucht dort das zu mimen, was man in einem Botox-verklebten Gesicht noch als Lächeln identifizieren könnte. Aber das nur nebenbei.

Viel wichtiger ist: In den Reviews der neuen Alben ist auch «Dionysus» von Dead Can Dance besprochen. Es ist im besten Sinne des Wortes ein Weltmusik-Album, eine Kernschmelze über den titelgebenden griechischen Gott aus islamischen Gesängen, mexikanischer Schamanenmusik und Schweizer Ziegengemecker. Ich habe lange gezögert, mich über diese Review zu äussern, weil ich selber «Dionysus» in höchsten Tönen gelobt habe (Dead Can Dance – Dionysus), während man die Meinung des «Rolling Stone»-Rezensenten in einem Wort auf «Scheisse» reduzieren kann, und man soll ja Kollegen nicht schelten. Aber ganz offensichtlich konnte mein Kollege mit dem Album nichts anfangen, er hätte sich wohl lieber ein neues Bob-Dylan-Album gewünscht. Er beschränkt sich deshalb auf die Beschreibung des bereits abgebildeten Covers und ein paar Zitate zur Machart des Albums aus dem beigelegten Waschzettel der Plattenfirma.

Nun ja. Das kann man so machen. Was mich aber hochgradig irritierte, war folgender Satz: «Dead Can Dance singen auf dem Album das Lied der kulturellen Aneignung und laden zum Tanz der Bacchantinnen.» Kulturelle Aneignung also. Das ist ein Thema der politisch Korrekten, die finden, Weisse sollten keinen Jazz hören und Schwarze keine Rösti essen, ich hab darüber schon mal geschrieben.

Abgesehen von der Nutzlosigkeit dieser Diskussion: Wenn ausgerechnet ein Musikmagazin einer Band kulturelle Aneignung vorwirft, bedeutet das konsequenterweise, dass zum Beispiel aus Brasilien nur noch Samba-Alben wahrhaftig sind (bye bye Sepultura). Oder dass deutsche Musiker nur noch Märsche spielen dürfen (bye bye BossHoss) und eben die Australier Dead Can Dance gefälligst beim Didgeridoo bleiben sollen. Mit anderen Worten: Der «Rolling Stone» verneint mit dieser Aussage den Kern der Musik, nämlich dass Musik nichts anderes ist als die fortwährende Verschmelzung verschiedenster Einflüsse zu neuen Klängen, neuen Liedern, neuen Gesinnungen. In letzter Konsequenz dürfte der amerikanische «Rolling Stone» nur noch Countrymusiker interviewen. Und in allerletzter Konsequenz dürfte eine deutsche Ausgabe des amerikanischen «Rolling Stone» nicht mal existieren. Schön blöd für den deutschen «Rolling Stone».

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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