SEASICK STEVE @ Konzerthaus Schüür – Luzern

„It doesn’t matter. Ain’t that the beauty of things? It just don’t matter.“ (Seasick Steve, Schüür Luzern, 2018)

Die Berichterstattung über Seasick Steves musikalische Vergangenheit findet alle paar Monate wieder einige interessierte Leser, die sich durch Zeilen der Empörung oder des Amüsements pflügen müssen. Dabei ist es tatsächlich vollkommen egal, ob und wie der mittlerweile 77jährige Steve Wold seine Karriere gestartet hat. Dass er unter anderem Discomusik und den einen oder anderen inhaltlich fragwürdigen Text veröffentlicht hat, kann man diskutieren, muss man aber nicht. Gleiches gilt für seine an einigen Stellen romantisierte Vergangenheit als Hobo. Wer dem Blueser auf die Finger schaut und ihn beim Gitarrespielen genau beobachtet, dem dürfte ohnehin klar sein, dass man sich auf der Strasse zwar den Blues, nicht aber zwangsläufig diese Art des Spielens aneignet. Willkommen auf der Bühne, beim grössten Spektakel aller Zeiten: Dem Musikbusiness.

Die Magie beginnt, wenn Seasick Steve sich seine Eigenbaugitarren aus Zigarrenkisten oder alten Waschbrettern (deren ursprünglichen Gebrauch er auf der Schüürbühne anhand seiner Socken präsentiert) umschnallt und den unverwechselbar hypnotischen Blues beginnt zu spielen, für den er wirklich bekannt geworden ist. Diese Tatsache bekommt zusätzlich respektables Gewicht, wenn man bedenkt, dass dies erst in seinem (Vor)Rentenalter geschehen ist. Zum Glück für alle Blues/Roots-Liebhaber hat Seasick Steve aber seine Rente erstmal nach hinten verschoben und auf seiner Tour auch das zahlreich erschienene Schüür-Publikum hochgradig unterhalten. Zweifelsohne gelänge ihm das alleine, allerdings hat er mit dem fantastischen Drummer Dan Magnusson (u.a. T-Model Ford und Robert Plant) und Verstärkung an Bass/Gitarre Luther Dickinson (u.a. Black Crowes und North Mississippi Allstars) zwei grossartig passende Sidekicks dabei, die nicht nur musikalisch Massstäbe setzen, sondern ihrem Chef einen sympathisch-lockeren Freiraum auf der Bühne garantieren.

Neben einer finest selection von Songs aus seinem gesamten Repertoire standen auch mehrere neue Stücke seines nächsten Albums, das gemäss eigener Aussage im September veröffentlicht wird, auf der Setliste. Highlights herauszukristallisieren wäre schon an sich Frevelei, denn damit würde jeder nicht genannte Song in ein unverdientes Schattendasein verbannt. Unter den neuen Tracks, die grossen Appetit auf das neue Album „Can You Cook“ machen, sind Nummern wie „Hate The Winter“, das lauschige, akkustische „Sun On My Face“ oder „Shady Tree“, dass er so ankündigt: „Ich liebe alle Frauen. Wirklich alle Frauen, egal wie sie aussehen. Wenn ich aber vor die ultimative Wahl gestellt würde, dann würde ich die Frauen mit langen Haaren bevorzugen. Weil sich im Arm einer langhaarigen Frau zu liegen genau so anfühlt, wie unter einem schattigen Baum zu schlafen.“

Seasick Steve gestaltet auch in der Schüür die Pausen zwischen seinen Songs gerne mit kleinen Anekdoten über zum Beispiel die neue Platte („Wir haben hart daran gearbeitet! Das haben wir wirklich! Jeden Tag drei bis vier Stunden.“) oder findet einen Bezug zum Publikum, indem er den Vierwaldstättersee preist: „Wir waren heute in eurem wunderschönen See schwimmen. Wie sauber alles hier ist! Ich dachte schon, jemand ruft die Polizei, weil da so ein dreckiger Kerl drin schwimmt…“

Mit seinem feinsinnigen Humor durchbricht er die Schwere des Blues. Und obwohl Seasick Steve in seinen Texten nicht grundsätzlich der Traurigkeit frönt, spielt er als erste Zugabe die Coverversion „Abraham, Martin and John“, das Lincoln, Luther King und Kennedy gewidmet ist und seine Abkehr von der Politik markiert. Was „Hurt“ für Johnny Cash ist (auf „American IV: The Man Comes Around“ unbedingt nachzuhören, Coverversion von Nine Inch Nails), ist „Abraham, Martin and John“ für Seasick Steve. Die schlicht von ihm solo vorgetragene Akkustiknummer rührt einige Zuschauer zu Tränen, nicht alleine durch seine leise erklärte Einleitung.

Um das Luzerner Publikum aber nicht trauernd nach Hause zu entlassen, lockert der graubärtige Blueser, der während des Konzertes seinem Drummer gerne einen Schluck Rotwein aus der Flasche wegtrinkt, die Stimmung noch einmal auf: „Ich habe früher etwas getrunken, das sich Thunderbird nennt. Ist sehr populär bei uns, aus Trauben gemacht. Kostete 60 Cent die Flasche, hast aber einen 5-Dollar-Kater davon bekommen. Grässliches Zeug. Als ich hier das erste Mal richtigen Wein getrunken habe, war ich richtiggehend schockiert. Ich wusste gar nicht, das man aus Trauben auch so etwas Gutes machen kann!“ Sprachs, liess sich einen weiteren Schluck durch die Kehle rinnen und spielte mit „Thunderbird“ den letzten Song des Abends.

Ein grossartiges, schlichtes, aber gewaltiges Konzerterlebnis, wenn man sich mit jeder Faser darauf einlassen kann. Alles, was der Mann musikalisch bisher gemacht hat, und sei es noch so unhörbarer Mist, hat ihn hier hin geführt. Und mit „hier“ kann man die Seele des Bluesliebhabers bezeichnen, die er mit zwar simplen, wenigen Tönen erreicht, aber mit hypnotischer Rohheit für die Dauer eines Songs erbeben lässt.

Inga
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