SABATON Interview mit Sänger Joakim Brodén: „Wir wollten textlich ein grösseres Thema als Sex, Drugs and Rock‘n’Roll“

Das neue Sabaton-Album handelt ausschliesslich vom Ersten Weltkrieg. Am Greenfield-Festival haben die schwedischen Power-Metaller ihr neues Werk vorgestellt – und Sänger Joakim Brodén weiss wirklich eine Menge darüber zu erzählen.

Interview: Aline Hug

Ich kann mir vorstellen, dass die vielen Interviews auf der Tour erschöpfend sind mit den ewig gleichen Fragen…
Nein, eigentlich nicht. Wenn man den Vergleich zu vor einigen Jahren macht, merkt man, dass die Journalisten immer bessere Fragen stellen. Mit der Zeit hat unsere Band auch eine immer längere Geschichte. Das heisst, man kann Fragen zu den aktuellen Alben stellen, zu etwas, was 15 Jahre her ist oder zu unserem History Channel.

Wie viele Interviews macht ihr so?
Vor zwei Wochen hatten wir über 200 Interviews, zu diesem Zeitpunkt wird es dann etwas verwirrend, aber auch das geht noch. Und hier am Greenfield ist es schön: ein schönes Land, wir haben Zugang zu Kaffee und Wasser und ein gutes WC. Heute habe ich drei Stunden Interviews und zwei Stunden sind wir auf der Bühne – das ist doch keine schwere Arbeit! (lacht) Es könnte schlimmer sein.

Da hast du recht! Machen wir gleich mit eurem History Channel auf YouTube weiter: Der ist ja der Wahnsinn!
Danke vielmals!

….Wie sieht das Projekt weiter aus? Habt ihr einen Plan, wie lange ihr den machen möchtet?
Den History Channel auf YouTube haben wir vor vielen Jahren angefangen, mit der Thematik der militärischen Geschichte. Dann fanden wir es cool, wenn wir das zu einer Art Dokumentation über Sabaton-Lieder entwickeln könnten. Wir haben uns also mit einigen Leuten zusammengetan, und wir fuhren dafür über zwei Stunden zum Meeting, um das zu besprechen. Wir sprachen dann ganze fünf Stunden darüber, obwohl wir das Meeting eigentlich nur kurz angesetzt hatten. Wir hatten viele tolle Ideen, und das ergab dann die mittlerweile 20 Folgen. Ich mag den History Channel sehr. Nebst den Bühnenauftritten und Alben schreiben ist es das, was ich am Tollsten finde. Unabhängig davon, wie viele Recherchen wir zu den Liedern und Alben gemacht haben, wir haben dank des Channels immer sehr viel dazugelernt.

Das heisst, da ist kein Ende in Sicht?
Nein ich denke nicht. Es ist ja ein Investment. Wir hoffen, dass das Projekt immer weiter wachsen kann. Es sind aktuell pro Episode sieben bis elf Leute am Arbeiten. Unser Traum ist nicht, damit Geld zu verdienen, sondern dass sich das Projekt selbst finanzieren kann. Und das Hauptziel ist, über jeden Sabaton-Song, den wir je gemacht haben, eine Folge auf dem History-Channel zu haben.

Da habt ihr die nächsten paar Jahre was zu tun! Zu euren Songs: Wird es da mit der Zeit nicht schwierig, das Wording in euren Liedern so zu gestalten, dass es nicht immer gleich ist? Gehen euch die Wörter nie aus? 
Ja wir sind schon ziemlich limitiert mit den Wörtern… Panzer, Krieg, Waffen, Battles… Das macht es für uns schwer. Es war im letzten Album „The Last Stand“ einfacher, weil wir über verschiedene Konflikte sangen. Von Afrika über Japan zur Sowjetunion, da erhältst du Möglichkeiten, ein anderes Vokabular zu verwenden. Aber natürlich sind auch da Waffen im Wording drin, es ist immer noch tricky. Trotzdem sind auch immer viel Emotionen in den Songs, was ich sehr mag.

Gab es in deinem Leben einen Trigger, nach dem du dir sagtest: „Ich möchte über Kriege singen“?
Ich war schon immer sehr an Geschichte interessiert. Die einzelnen Erzählungen von verschiedenen historischen Geschichten finde ich sehr spannend. Aber unser Interesse wuchs in der Zeit, als wir die Musik zu „Primo Victoria“ geschrieben haben. Wir wollten textlich ein grösseres Thema als Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll, also wählten wir den D-Day für diesen Song, und plötzlich machte für uns alles einen Sinn: Lyrics schreiben war nicht mehr ein „nötiges Übel“, sondern sehr spannend. Also schrieben wir ein Album über militärische Geschichte. Als wir dann für die anderen Songs recherchierten, war das für mich irgendwie mein Trigger. Ich bin aber der Meinung, Geschichte kann scheiss langweilig sein!

Wie meinst du das?
Wenn du in der Schule sitzt und über den ersten Weltkrieg was lernen musst, heisst es einfach: Guck dir dieses Bild an, der da hinten wurde erschossen. Und dieses Land hatte mit jenem Land Konflikte und darum machte das andere Land dies und das. Also sorry, ich mag dieses Zeug wirklich, aber sowas langweilt mich übelst!

Wie würdest du denn Geschichte unterrichten?
Man könnte stattdessen über individuelle Geschehnisse sprechen. Starte mit einer spannenden Story, dann kommt das Interesse automatisch, und am Schluss fügt sich alles so zusammen, dass das gezeigte Bild komplett erklärt ist. Mit den exakten historischen Daten verhält es sich genauso. Die sind für mich nicht entscheidend. Aber in Schulen werden zu oft einfach Daten abgefragt, während zu wenig gelehrt wird, warum zum Beispiel ein König in genau dieser Zeit so einflussreich war. Es wird nur gefragt, wann der Typ ein König war. Aber ich bin nicht da, um das Schulsystem zu ändern.

Vielleicht solltest du dich mal als Lehrer versuchen?
(lacht lauthals) Oh nein! Ich könnte mit Studenten nicht umgehen. Ich war sogar mal ein Jahr lang ein Musiklehrer.

Ach tatsächlich?
Ja, aber eben, das war nicht so mein Ding…

Welche Instrumente hast du denn gelehrt?
Eigentlich alle. Ich war Musiklehrer in der siebten bis neunten Klasse. Ich spiele zwar nicht exzellent auf den einzelnen Instrumenten, aber auch nicht sehr schlecht. Auch wenn ich zum Beispiel ein nicht wirklich guter Drummer bin, war ich immer noch besser als die Studenten.

Ein Jahr lang Unterricht geben ist aber nicht wirklich lang…
Während meiner Studienzeit wechselte ich oft zwischen verschiedenen Jobs und Sabaton. Der Lehrer-Job war eigentlich auf sechs Monate begrenzt, wurde dann aber verlängert, die mochten mich wohl als Lehrer. Und witzig war es allemal.

Cool! Nun wieder zu eurer Musik. Wie gehst du mit den Leuten um, die eure Musik mögen, weil sie den Krieg verherrlichen?
Wir haben schon ein bisschen ein Problem damit. Unser erstes Album, «Primo Victoria» 2005, war blacklistet in Deutschland. Also mussten wir die Texte einsenden, damit sie diese überprüfen konnten, und dann das Album veröffentlichten.

Wieso das denn? 
Weil wir im Intro des Titelsongs das Wort Nazi drin hatten: (singt) Through the gates of hell, as we make our way to heaven, through the Nazi Lines. Wir dachten, das war klar genug, aber offensichtlich war es das nicht. Wir wurden immer kontrovers betrachtet, da die Leute unsere Texte nicht richtig verstanden und viele gar nicht wussten, über was wir wirklich gesungen haben. Als wir dann „Carolus Rex“ über das schwedische Königreich sangen, dachten die schwedischen Medien plötzlich, wir seien die Nazis. Denn in jedem Land gibt es gewisse historische Figuren, die unabhängig davon, ob es nun stimmte oder nicht, mit einer gewissen politischen Bewegung verbunden werden. Und so war es bei „Carolus Rex“, das 150 Jahre vor den Nazis handelte. Es dachten plötzlich alle, wir seien Nazis. Und wir sagten dann: „Nein, sind wir ganz sicher nicht! Wir singen über Geschichte!“ Also ja: wir hatten immer ein wenig Mühe mit solchen Vorurteilen. Das schwankt aber sehr, je nach dem, von welchen Kriegen wir singen oder welches Land in einem Song vorkommt. Aber je mehr Alben wir machen, umso einfacher wird es für uns. Bis heute wird es in der Musik einfach nicht wirklich akzeptiert, sich politisch auszudrücken. Würde zum Beispiel irgend jemand sagen, Stephen Spielberg sei ein Nazi, weil er «Schindlers Liste» gemacht hat? Nein.

Am Ende kann man sagen: Es ist ja nicht so, dass wir nicht gewusst hätten, in was wir uns da reinstürzen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, über die Themen zu singen, die Sabaton eben behandelt. Genauso, wie Rammstein sich dazu entschieden haben, ihre Songs und ihre Texte so zu visualisieren, wie sie es heute tun. Es ist ja nicht so, dass sie über Hello Kitty singen. Da würde niemand kommen und sagen, sie seien Nazis.

Vielleicht sollten sie das?
Über Hello Kitty singen? Ja, das wäre bestimmt witzig. Rammstein ist eine der wenigen Bands, die das machen könnte. Und ich bin mir sicher, irgendwo würde irgendeiner das Helly-Kitty-Logo in ein Nazi-Symbol ändern.

Natürlich würde das jemand! Nebst Rammstein: Bist du ein Fan von anderen Bands, wenn du sie an den Festivals triffst?
Es kommt drauf an. Ab und zu vielleicht. Aber ich stürme nicht in die Umkleidekabinen von anderen Bands, das macht man nicht, das ist ein absolutes No-go (lacht). Aber mit der Zeit haben wir mit so vielen Bands getourt oder an Festivals gespielt, da kennt man sich mittlerweile. Früher waren wir total begeistert, wenn wir jemanden sahen, den wir verehrten, und sagten einander „schau, das ist die Umkleide von dieser und jener Band, wow!“ Aber heute ist das nicht mehr so. Mittlerweile ist es eher so, dass man die Leute antrifft und dann zusammen in der Kabine Bier trinkt.

Man sagt ja oft «Triff nie deine Helden». Aber wer das sagt, kennt den Metal nicht. Denn bei neun von zehn Begegnungen bin ich positiv überrascht.

Wie viele Konzerte gebt ihr denn pro Tour etwa?
Es kommt selten vor, dass wir weniger als achtzig bis hundert Shows pro Jahr geben. Normalerweise spielen wir etwa 140 Konzerte im Jahr. Es waren aber auch schon mal 170 Konzerte. Das war dann sehr intensiv, vor allem mit dem Transport dazwischen. Das macht dann übrigens einen Durchschnitt etwa 40 Ländern pro Jahr.

Habt ihr da überhaupt Zeit, die Länder oder Städte ein bisschen zu erkunden?
Manchmal bleiben einige Tage Zeit an einem Ort, da es keinen Sinn machen würde, für vier Tage nach Hause zu reisen. Dann hast du zwar immer noch nicht sehr viel Zeit, da es dauernd viele Dinge zu erledigen. Aber wir sind immer mal wieder an den gleichen Orten, und da schaut man sich halt das Land oder die Stadt stückweise an. Irgendwann hat man dann das Meiste gesehen. Wir besuchen auch viel Museen, dafür sehen wir nicht als erstes die typischen Touristenattraktionen.

Zum Beispiel?
Erst bei meinem zehnten Besuch in London schaffte ich es, den Big Ben zu besuchen. In der Schweiz waren wir zum Beispiel auch einfach mal zwei Tage in Lausanne, anstatt die Sehenswürdigkeiten anzuschauen.

Und wie gefällt euch die Gegend hier in Interlaken so?
Sie ist einfach fantastisch! Sieh dich doch mal um, das ist ja herrlich hier!

Dankeschön. Das neue Album „The Great War“ ist härter als sonst. Wie das?
Es ist vor allem die Thematik, der Erste Weltkrieg, die die Musik härter macht. Die Atmosphäre mit den Texten und den Geschichten ist automatisch dunkler als sonst… Aber ich freue mich, wenn das Album endlich veröffentlicht ist!

Ich auch – danke für deine Zeit.
Gern geschehen!

Aline
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Die Helden: Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, Jim Morrison.

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