Never Surrender
Am vergangenen Sonntagabend trat die legendäre englische Punk-Reggae-Dub-Band Ruts DC im Luzerner Musikzentrum Sedel auf. Die gesetzteren Herren (alle drei sind um die Siebzig) wurden von einem hauptsächlich gesetzteren Publikum frenetisch gefeiert. Punk lebt. Er ist einfach etwas älter geworden.
Hinter den Boxen auf der Seite der Bühne strömt Trockeneis aus. Ab Band läuft Capitol 1212 (ft. Earl 16) realxte Interpretation von Joy Divsions düsterem Anti-Liebes-Song „Love Will Tear Us Apart”. Liebe endet nicht immer gut. Die zum Trio reduzierten Ruts DC betreten die Bühne. Die 1978 als The Ruts gegründete Band eröffnet mit «Vox Teardrop» aus ihrem vorletzten Studioalbum «Music Must Destroy», das 2016 erschien. Besagte Nummer ist allen Bands gewidmet, die Ruts DC beeinflusst haben. Unüberhörbar sind das sicherlich die Stones. «S.U.S» (bedeutet etwa «sich verdächtig verhalten») aus dem Debüt «The Crack» (1979) macht dann klar, was die Faszination der Band ausmacht. Das Gitarren-Riff von Leigh Heggarty (seit 2016) mit einem Flanger-Effekt verfremdet, erzeugt Gänsehaut. Die Band spielt gekonnt mit Energie und Dynamik. Leider erlangten The Ruts (DC) in der Punk-Ära unverdienterweise nicht den Erfolg von Bands wie The Damned, den Buzzcocks, den Sex Pistols oder The Clash. Das hatte wahrscheinlich n.a mit dem Pech des Späteren und Tragik zu tun. 1978, zur Zeit ihrer Gründung war die Punk-Welle bereits wieder am abflauen. Und kurz nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums starb Sänger Malcolm Owen 1980 an einer Drogenüberdosis. Dies erschwerte die Dinge für die Band. Dabei hatten sie mit der grandiosen Punk-Hymne «Babylon’s Burning» (Platz 7 UK-Charts, u.a. von den Toten Hosen gecovert) und dem 16 Platz von «The Crack» respektable Erfolge erzielt. Statt eines zweiten Albums erschien 1980 die Zusammenstellung «Grin & Bear It» mit unveröffentlichtem Material und B-Seiten. Auch dieses Album verkaufte sich ganz ordentlich (Platz 28 UK-Charts). Danach wagten Gitarrist Paul Fox (2007 verstorbenen), der den Gesang übernahm, John Jennings (Bass) und Drummer Dave Ruffy zusammen mit dem Saxophonisten Gary Barnacle als Ruts DC (da capo) eine Art Neuanfang. Zwei Alben erschienen: «Animal Now» (1981) und «Rhythm Collision Vol. 1» (1982, Dub-Reggae-Album), die aber nicht an die anfänglichen Erfolge anknüpfen konnten. Wahrscheinlich auch deswegen löste sich die Band 1983 auf (2007 kam sie wieder zusammen). «Mighty Soldier», aus dem Album «Rhythm Collision Volume 2» (2013) knüpft am Konzert im Sedel an diese Zeit an. Der Anti-Kriegs-Song ruft auf, die Waffen niederzulegen. The Ruts (DC) waren von Anfang an politisch: Die Band war zu Beginn in der Graswurzelbewegung gegen die rechtsextreme British National Front involviert und trat bei zahlreichen Musikveranstaltungen unter dem Motto «Rock Against Racism» auf. Mit «West One (Shine On Me)» spielt die Band daraufhin einen Song aus «Grin & Bear It». Auf der in rotes Licht gehüllten Bühne verleihen sie dem Song Intensität und knisternde Dramatik. Das düstere «It Was Cold» lässt den Saal danach fast gefrieren. Der tickende Bass von Jennings läuft ab wie eine todverheissende Sanduhr. Aus dieser Schockstarre führt das aggressive «Demolition Dancing». Ein Song darüber, Dinge zu zerschlagen. Schneidende Riffs zerlegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Mit «Born Innocent» und «Faces In The Sky» folgen zwei Songs aus ihrem letzten Werk «Counter Culture?» (2022). Ersterer, eine Reggae-Rock-Nummer, die Gedankenkontrolle und das «Dumm-Halten» der Menschen thematisiert. Ein Thema, das nicht aktueller sein könnte. Die intensive Reggae-Nummer «Jah War» hat einen ebenso brisanten Hintergrund: Der Text thematisiert Unruhen im Londoner Bezirk Southall im April 1979, bei denen es einen Toten und zahlreiche Verletzte gegeben hatte. Im verhalten / nachdenklichen Song «Bound For Blood» singt Sänger und Bassist John Jennings über Vergebung. Das hektisch / aggressive «Counter Culture» propagiert Widerstand, Echtheit und Anti-Establishment. Nicht nur hier ist es mit Erstaunen zu beobachten, welche Kraft und Präzision immer noch im Schlagzeug-Spiel von Dave Ruffy liegt, obwohl er wegen einer Hüft- und Knieoperation Mühe beim Laufen hat und mit einem Stock auf die Bühne kommt. Mit «In A Rut» und «Babylons Burning» folgen Klassiker und weitere Höhepunkte. Ersteren, ein Song über Ausbruch und frei werden, dehnen Ruts DC mit einer Jam-artigen Passage auf Überlänge. «Babylons Burning» muss man nicht vorstellen. Einer der Klassiker aus der Punk-Ära. In Musik gebannte Panik. Das Konzert könnte jetzt enden. Tut es aber nicht. Nach einer Pause schliessen Ruts DC mit «Pretty Lunatics» und einem weiteren Klassiker aus ihrer Anfangszeit ab: «Starring At The Rudboys». Ein Song über das Miteinander mit der einprägsamen und immer wieder wiederholten Zeile «Never Surrender». Gib niemals auf.

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