Review Meh Suff!-Festival 2019

ah. Vorbei am Waldesrande, den Kühen auf der anderen Seite des Weges zum Glück zuwinkend, voller Tatendrang schritten die Besucher des Metalfestivals Meh Suff! auf den Hüttikoner Berg zum Festivalgelände. Mit rund 2000 Besuchern war das Festival erstmals ausverkauft – und  die Schweizer Metalszene feierte zwei Tage lang eine herrliche Auswahl an Bands, die noch herrlicher drauflosprügelten.

Die Herrschaften von Finntroll empfingen die TRACKS-Schaffenden schon, als wir das Gelände betraten. Die Finnen, die Black Metal mit finnischem Polka mischen, waren die diesjährige Humpa-Humpa-Band. Jedes Jahr tritt nämlich mindestens eine nordische Folkmetal-Band auf. Traditioneller finnischer Polka wird übrigens “Humppa” genannt – die Betitelung von “Humpa-Humpa-Musik” passt demnach für Finntroll-Metal wunderbar. Sänger Mathias „Vreth“ Lillmåns growlte und screamte zu den eingängigen Rhythmen und Melodien, die zweitweise schon fast etwas romantisch daherkamen. Aber weil der Frontmann fauchte und schrie, bildete das Publikum Circle Pits, statt sich gegenseitig in die Arme zu fallen.  

Die Schwarzmetaller Watain, die gerne als Vorzeigeband des Black Metal betitelt werden, malträtierten ihre Instrumente. Blutverschmiert, zwischen flammenden Dreizacken und knöchrigen Überresten, bretterten sie unbeirrt durch ihr Set. Frontmann “E” Erik Danielsson hat mit diabolischen Gesten, opfergaben-ähnlich, immer mal wieder die feurigen Statuen auf der Bühne angebetet. Leider überschlug sich den Bass en masse (verstanden? Bass en masse. Höhö). Die Zuschauer in der vordersten Reihe bekamen während des Konzerts einiges an Kunstblut ab. Es wurde jedoch gemunkelt, dass das wohl doch nicht Kunstblut, sondern eher echtes Schweineblut war – weil das Ganze furchtbar stank, hätte man das tatsächlich annehmen können. Es bleibt auf jeden Fall offen.

Amorphis drückten straight forward ihre Musik raus. Die gekringelten Mikro-Kabel und Schlaghosen versetzten das Publikum nach Watain in ein anderes Musik-Universum. Der Bass hämmerte schön in der Brust und überschlug sich nicht. Es schien, als sei der Tonmischer ausgewechselt worden. Ein Pluspunkt für Amorphis, die ein makelloses Konzert lieferten.

Die belgische Death-Metal-/Grindcore-Band Aborted wirkte übermütig. Serienmörder als Hauptthemen in ihren Songs widerspiegeln die Brutalität ihrer Musik. Ohne Umschweife preschten sie direkt los. Immer wieder entglitten dem Frontmann Sven de Caluwe die Gesichtszüge regelrecht: Grimassen mit schielenden Augen, Schreie, bis seine Adern auf der Stirn von weitem sichtbar waren, und dazu Gesten, die wie Todesdrohungen aussahen. Mit dem Finger der Kehle entlanggleitend und böse dreinguckend. Die Pig Squeals machten das Ganze noch etwas theatralischer. Und plötzlich waren die Jungs mit ihrem Konzert fertig,  quasi mit Handbremse-Stopp von 100 auf 0. Nach dieser massiven Ladung Death Metal einen gehörigen Kontrast: Ein Song, der verdächtig nach “Never Gonna Give You Up” von Rick Astley klang, trällerte über den Festivalplatz.

Die Schweizer Black-Gospel-Metaller Zeal & Ardor schritten alle im schwarzen Kapuzenpulli auf die Bühne, alle ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Nach einiger Zeit nehmen alle gleichzeitig die Kapuze runter und dreschten so weiter. Äh… Showeinlage? Dass inzwischen niemand mehr an Zeal & Ardor vorbeikommt, ist mittlerweile allen klar. Die Band findet grossen Anklang im Publikum, das die infernalischen Schreie und Gospelstimmen hart feierte. Kurz vor dem letzten Song meinte Sänger Manuel Gagneux: “Mier hend no ein Song. Er isch bitz hässg, wenn das okay isch für eu.” – es war für alle mehr als okay und eines schönen Abschlusses des Konzertes würdig. Als ich später den Drummer Marco von Allmen fragte, warum sie alle gleichzeitig ihre Kapuze herunternahmen, meinte er: “Für den Effekt, damit das nicht so random daherkommt”. Random? Es entwickelte sich ein Gespräch, in dem sich herausstellte, dass der Drummer bisher nur etwa drei Interviews gegeben hat, weil sich alle nur für den Sänger interessieren, er aber mitbekommt, dass manchmal lustige Fragen gestellt werden. Im Sinne von: echt jetzt? Zudem seien sie einmal mit dem Auto etwa 14 Stunden ans Wacken-Festival für einen Auftritt gefahren und 15 Stunden zurück, weil sie sich verfahren hätten.

Satyricon kam, sah und siegte. Mit seiner Frage “I was asking if Swiss people are too rich to do a moshpit” gewann er die Herzen der Zuschauer. Atmosphärischer, schwarzer Sound hallte über den Hüttikerberg. Frontmann Sigurd Wongraven kam anmutig daher: Seine ruhige Ausstrahlung bei instrumentalen Parts kippte jeweils in dem Moment, wenn er den Gesang wieder aufnahm. Fast schon hypnotisch war der Auftritt der Norweger, das Publikum schien gefesselt von der Düsterheit. Bei Songs wie “Deep Calleth Upon Deep” oder “K.I.N.G” sangen alle mit, was dem Ganzen noch mehr Dynamik verlieh. Die Festivalbesucher schienen begeistert von Satyricon’s letztem Auftritt dieses Jahres.

Dass das Meh Suff! ein Bijoux durch und durch ist, sollte langsam klar sein. Selbst Backstage: Zwar sind Künstler und Pressearbeitende voneinander getrennt, jedoch läuft man sich immer mal wieder über den Weg. Einige Bandmitglieder verbrachten ihre Zeit teilweise auch im Pressezelt. So kam es, dass man in Gespräche mit diversen Leuten kam und manchmal nicht realisierte, was das überhaupt für welche sind. Es kam dazu, dass ich mit David Kreft, dem Sänger von Bodyfarm, ein bisschen gequatscht habe (leider haben wir den Auftritt von Bodyfarm verpasst!). Es gesellte sich später noch ein Typ dazu: Der Sänger von Thanatos, Stephan Gebédi. Die beiden erzählten schliesslich, dass sie beide doch tatsächlich seit Jahren in der gleichen Firma arbeiten, ohne dass der eine was vom anderen mitgekriegt hat. Zufälle gibt’s! Während Sodom und Hypocrisy auf der Bühne spielten – was ich wegen ebendieser Zusammenkunft leider verpasste – wurde das Zelt mit einem kleinen Ofen beheizt – direkt hinter mir. Einen kurzer Schritt auf die Seite, und ich realisierte, dass meine Hose ein beachtlich grosses Brandloch hatte und meine Doc Martens angeschmörzelt waren. Dies hatte zur Folge, dass meine dicken Socken zum Vorschein kamen. Ganz zur Freude von David R Kreft, der mich sichtlich erstaunt fragte, warum ich im Oktober farbige, flauschige Weihnachtssocken trage. Als ich daraufhin die darunter getragenen Rammstein-Socken zeigte, war die Farce komplett. Obwohl sich danach alle über meine Weihnachtssocken köstlich amüsierten, gaben später doch einige zu, dass sie kalte Füsse hätten. Nun denn, die Weihnachtssocken waren wohl doch nicht so schlecht! Bodyfarm werden übrigens in Kürze ein neues Album raushauen und Thanatos feilen gerade an einem neuen Album.

Thanatos hatte die Ehre, das Meh Suff!-Festival abzuschliessen – leider waren nicht mehr allzu viele Menschen da, die sich für diesen Genuss holländischer Künste interessierten. Doch die, die übrig blieben, durften sich an der killermässigen Mischung aus Thrash- und Death-Metal ergötzen. Es schien ganz so, als sei der Tonmischer von Watain ans Mischpult geholt worden, denn leider waren die Vocals etwas zu leise abgemischt. Kein Grund für die Band, eine miese Show abzuliefern: Mitreissende Riffs, harter Sound und ordentliches Auf-die-Pauke-Hauen standen auf dem Programm. Marco de Bruin, “The Beast on Bass”, der seit 2001 Teil der Band ist, spielte am Meh Suff! sein letztes Konzert in der Thanatos-Formation. Schade. Aber die Band und wir wünschten ihm alles Gute für die Zukunft. Das neue Thanatos-Album wird die Band dann mit Mous Mirer aufnehmen. Wir sind gespannt!

Wie Minions, die plötzlich auf sich alleine gestellt waren, watschelten die paar letzten Zuschauer nach Thanatos auf dem Platz umher. Als dann noch Jurassic 5 aus den Boxen drang und für einen ordentlichen Szenenwechsel sorgte, fragte man sich endgültig: Es ist jetzt wirklich fertig, oder? Ein ganzes Jahr warten, bis zum nächsten Meh Suff!? Mäh!

Text: Aline Hug

Bilder: Matthias Thümmler

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Die Helden: Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, Jim Morrison.

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