LURKER GRAND “Die Not hat ein Ende”

die-not-hat-ein-ende-Book-Cover-300«Ich habe diese drei Bücher 12 Jahre gelebt»

“Die Not hat ein Ende – The Swiss Art Of Rock” ist nach “HOT LOVE – Swiss Punk & Wave 1976-1980” (2006) und “HEUTE UND DANACH –  The Swiss Underground Music Scene Of The 80’s” (2012) ein würdiger (visueller) Abschluss der spannenden Trilogie über die Schweizer Rockmusik. Im Interview spricht der Herausgeber Lurker Grand über gute Plattencovers, die Nähe von Künstlern zu ihrem «Produkt», die Bildsprache der Schweizer Rockmusik, Covergestaltung: Verkaufshilfe oder Teil eines Gesamtkunstwerkes, was es mit dem Titel  “Die Not hat ein Ende – The Swiss Art Of Rock” auf sich hat und über die Qualität der Schweizer Rockgrafik. 

 

Tracks: “Die Not hat ein Ende – The Swiss Art Of Rock” widmet sich nach “HOT LOVE – Swiss Punk & Wave 1976-1980” (2006) und “HEUTE UND DANACH – The Swiss Underground Music Scene Of The 80’s” (2012) ergänzend der Schweizer Rockkunst. In wie fern hat sich die Wichtigkeit des Visuellen in der Schweizer Rockmusik in den letzten 50 Jahren verändert?

Luker Grand: Die Wichtigkeit des Visuellen in der Rockmusik generell und somit auch in der Schweiz verändert sich kontinuierlich. Was in den sechziger Jahren wichtig oder richtig war, ist heute ja komplett was anderes. Es gibt keinen typischen “Schweizer” Weg, keine klar erkenntliche Schweizer Rockgrafik. Es gibt natürlich Elemente in der hiesigen Rockgrafik, die man sonst nirgends sonst auf der Welt findet. Dies versuche ich im Buch natürlich aufzuzeigen, damit einhergeht mein Wunsch, dass ich auch ausserhalb der Schweiz auf Interesse stosse (Die Texte im Buch sind auch in Englisch und der Vertrieb agiert international). Ich will hierzulande und ausserhalb der Landesgrenzen dem interessierten Betrachter zeigen; Wow, diese Qualität von Rockgrafik gibt es in der Schweiz, dass wusste ich ja gar nicht! Meiner Meinung nach ist dies nur wenig bekannt, vielleicht hat es bis heute auch noch niemand erkannt, doch das haben wir ja mit diesem Buch jetzt geändert.

Tracks: Was macht aus deiner Sicht ein gutes LP-Cover aus?

Lurker Grand: Ganz einfach, dass ich in diese LP umgehend rein hören will. Die Covergestaltung hat meiner Meinung nach die Aufgabe die Musik zu visualisieren. Sie soll die Musik bildlich transportieren, sie soll Inspiration sein, für das was dich beim anhören erwartet. Sie darf und soll natürlich in vielen Fällen uns auch die Person(nen) näher bringen, die diese Musik spielt. Man darf nicht vergessen, dass es in den meisten Ländern nicht möglich ist in eine LP/CD rein zuhören, bevor man sich diese selbst gekauft hat.

Die Schweiz ist da eine Ausnahme. Das hiess, dass man früher in einen Plattenladen ging, mit dabei hatte man entweder eine Empfehlung eines Bekannten, eine aus einem

Musikmagazin oder Songs davon im Radio gehört und kaufte sich so seine Platten, oder eben der Plattenumschlag besass alle Codes die man für sich brauchte, so dass man diese ungehört kaufen wollte.  Da spielte neben der Gestaltung des Cover natürlich auch der Name der Band, für welchen Musikstil sie standen, die Instrumentalisierung, die Songtitel, oder Songtexte auf Beilagen, der Produzent oder das Label (oder ein unabhängig produziertes Album) ebenso eine gewichtige Rolle. In jungen Jahren natürlich auch noch oft der Preis 😉

Tracks: Dein persönliches Lieblings-LP-Cover einer Schweizer Band?  Was gefällt dir speziell daran?

Lurker Grand: So spontan würde ich sagen, sind es die Covers und Plakate des Berner Künstlers Dirk Bonsma. Dies für die Basler Garage Rockband Lombego Surfers. Ende der Achtziger Jahre gestalte Dirk zum ersten Mal ein fulminantes Doppelalbum mit Poster Beilage für diese Band, dies ist bis zum heutigen Tag mein Favorit! Heute, mehr als 25 Jahre später und unzählige Alben danach macht er dies für die Lombego Surfers noch immer. Ich sprach vor kurzem mit Anthony Thomas,  dem Gründer der Band darüber und er meinte, dass er sich ohne das Artwork von Dirk die Band gar nicht mehr vorstellen könne, sprich er ist so etwas wie ein Bandmitglied geworden. Für mich fast einmalig in der Rock Geschichte, in die gleiche Richtung gehen natürlich die Covers von Derek Riggs für Iron Maiden mit der Eddie-Figur, die immer wieder auf ihren Covers auftaucht. Neben Dirks Style, bin ich von seiner aufwendigen Gesamtgestaltung seiner Artefakte und seiner aussergewöhnlichen Persönlichkeit beeindruckt. Einen weiteren Aspekt von Dirk möchte ich hier noch erwähnen. Fast niemand kennt den Namen Dirk Bonsma, geschweige die Person, er unterschreibt auch nie nicht mit seinem Namen, sondern versteckt sein Trademark in jedem Bild, für den aufmerksamen Betrachter, ist dieses aber relativ einfach zu finden.  Dirk hat es geschafft, dass viele Musikfans seine Bilder sofort erkennen, er aber unsichtbar geblieben ist. Er stellt sich ganz in Dienst der Musik und deren Bands für die er arbeitet und er macht dies auch nur für Bands deren Musik er mag, sprich, die er  persönlich kennt und schätzt…

Tracks: Was hat es mit dem Buchtitel “Die Not hat ein Ende” auf sich?

Lurker Grand: Einiges und das kann noch zu einigen Diskussionen führen. Er stammt von einem Plakat aus dem Jahre 1962 für den legendären Star-Club aus Hamburg. Dort war er noch mit dem Zusatz «Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!» versehen. Was bei diesem Buch auch der erste Teil der Aussage beinhaltet. Dann ist es ebenso ein Verweis auf den heutigen Zustand der Rockmusik, sprich seit geraumer Zeit hat “Die Not ein Ende”, wenn wir über den Rock in der Schweiz oder generell in der westlichen Welt sprechen.  Diese Entwicklung des Rock in der Schweiz wird von Sam Mumenthaler im Buch aufgezeigt. Der Rock hat in all seinen Urformen (Rock n Roll, Beat, Rock, Punk usw.) und Zeit- und Generationsepochen sich immer wieder inhaltlich sowie musikalisch erneuert und tut dies bis heute noch. Mitte der siebziger Jahre hatte er definitiv zum ersten Mal ein grosses Problem und der Punk oder New Wave hat ihn dabei aus der Belanglosigkeit gerettet. Heute stehen wir inhaltlich, nicht musikalisch, an einem ähnlichen Punkt, doch ein weiteres Mal wird es kein Punk geben…

Tracks: Im Buch werden diverse Künstler (Düde Dürst, H.R. Giger, Peter Bäder, Eric Andersen, u.a.) aus der Schweizer Szene vorgestellt. Hast du selber einen Favoriten? Wenn ja, was gefällt dir speziell an seinen Arbeiten?

Lurker Grand: Wie man aus dem Buch gut erkennen kann, hab ich für jede Musikepoche einige wenige Künstler als repräsentative Vertreter ihrer Gilde ausgewählt. Ich glaube, dass sie die wichtigsten, sprich ihr Oeuvre künstlerisch am interessantesten und versiertesten für die jeweilige Epoche daherkommt. Einen persönlichen Favoriten habe ich nicht. Jeder ist auf seine eigene Art und Weise mein Favorit, sprich, wenn  ich darauf detailliert eingehen würde, bräuchte es hierfür nochmals so viel Platz wie für dieses Interview.

Tracks: Gibt es ein verbindendes Element zwischen den einzelnen Künstlern?

Lurker Grand: Yeap, das gibt es, dies auf verschiedensten Ebenen. Zuerst sind es alles Männer, das hat meiner Meinung mit der Geschichte des Rock generell zu tun und spricht da sicher nicht unbedingt für den Rock, oder sagen wir mal so, so wie ich ihn lebe. Dann der Totenkopf, ein Klischee des Rock schlechthin, das aber im Schweizer Beat der Sechziger Jahre kaum in Erscheinung trat, ausser bei den Halbstarken. Dann die Nähe der Künstler zu der Musik und den Musikern, sie waren immer Teil einer Musikepoche, sprich sie konnten sich damit identifizieren, sie spielten teilweise selbst in einer Band mit, sie organisierten auch Konzerte, sie waren somit alle Teil des inneren Zirkel.

Tracks: Oft sind die Künstler in irgendeiner Weise mit ihrem “Produkt” (Label, Band oder Club) verbunden. Braucht es diese Nähe, um Genre gerechte Kunst zu entwerfen?

Lurker Grand: Ich würde sagen JA, aber nicht ausschliesslich. In unserem Buch ist dies der Fall mit Ausnahme von H.R.Giger, der ja bekannter weise immer eine Ausnahme darstellt, auch in der Kunst oder wo auch immer. Damit meine ich aber “unsere” Minderheit, wir stehen nicht für die Mehrheit im Rock. Das heisst, im Normalfall wird dies nicht so gehandhabt, die anderen  interessieren mich aber auch in keiner Art und Weise, es entspricht nicht  meiner Lebensanschauung. Mich interessieren generell keine Produkte, die diese Nähe nicht mit sich bringen. Ich will genau wissen, von wem, wie und was. Mir ist es enorm wichtig zu wissen, wo alles herkommt, wer dahinter steckt und für wen ich das mache. Ich kenne von Anfang bis zum Schluss alle Arbeitswege und involvierten Personen und schlafe am Schluss zur Not auch auf dem Boden in der Druckerei während das Buch im Druck ist, sprich, ich will geweckt werden, bevor der nächste Bogen gedruckt wird. Genauso wurden die drei Bücher umgesetzt und ich weiss sogar von einem grossen Teil der Käufer, wer diese sind, ich kenne sie namentlich. Dies notabene von den zwei ausverkauften ersten Büchern und ich wünsche mir dies natürlich auch für das aktuelle Buch.

Tracks: Die Bildsprache der Schweizer Rockmusik wurde oft von amerikanischen oder englischen Künstlern (z.B. Frank Kozik) beeinflusst.  Gibt es eigenständige Schweizer Rock-Art-Künstler? Wenn ja, was zeichnet sie aus?

Lurker Grand: Nein! Es gibt keine explizit Schweizer Grafik in der Rockkultur. Rock wurde hier nicht erfunden, und mit dem Import des Rock wurde ebenfalls die Ästhetik in die Schweiz importiert. Seit den Sechzigerjahren seit den Rockplakaten der US-amerikanischen Westküste, verbinden sich Musik und visuelle Sprache, und dies international.  Ausnahme ist einmal mehr der Churer Künstler H.R.Giger. Seine Arbeiten in der Rockmusik nehmen in der Schweizer Rockgrafik eine spezielle Position ein, weil er einer der wenigen Künstler in diesem Buch ist,  der sich international etablieren konnte und sein Stil transportiert eine Gefühlswelt, die wir vor allem im Heavymetal finden. Dies nicht explizit in seinen offiziellen gestalten Covern, die er für Bands wie: Blondie, Floh de Cologne, Emerson Lake & Palmer, Magma oder die Schweizer Band Shiver, später Island, gestaltete, sondern in den zahllosen inoffiziellen Covern, sprich unzählige Metalbands klauten seine Bilder und verwenden diese illegal als Umschläge für ihre Tonträger. Was natürlich komplett daneben ist, da H.R.Giger ein herzenslieber Mensch war und eine Anfrage bei ihm sicherlich mit einer persönlichen Antwort verbunden gewesen wäre. (Seine Adresse und Telefonnummer standen sein Leben lang im Telefonbuch oder im Netz)

Tracks: Zeig mir dein LP- oder CD-Cover und ich sage dir, was für Musik du machst.” Trifft das auch auf gewisse Genres der Schweizer Rockmusik zu?

Lurker Grand: Ganz klar und nicht nur auf gewisse, sondern auf fast alle. Wer die Codes eines Musikgenres deuten kann, muss nicht mal ein gestaltetes Cover deuten können, sondern erkennt dies schon an den Äusserlichkeiten der darauf abgebildeten Bandmitglieder, sprich deren körperlicher Physik, Bekleidung usw. Es ist ja sowas von offensichtlich, wie sich ein Musiker aus einer Ländlerkapelle, einer Metalband oder einer Popband kleidet, oder was für eine Frisur er hat, welche Codes er dafür verwendet usw. All dies findet sich natürlich auf einer Tonträger Hülle.

Tracks: Covergestaltung: Verkaufshilfe oder Teil eines Gesamtkunstwerkes?

Lurker Grand: Auch hier würde ich mit „ganz klar“ antworten, doch gibt es meiner Meinung nach gewichtige Unterschiede. Umso stärker eine Band oder ein Musiker ein Produkt der Musikindustrie ist, umso weniger ist eine Covergestaltung meiner Meinung nach ein Gesamtkunstwerk.  Die Musikindustrie, sprich die Major Labels, suchen ja meistens die Massen,  somit werden die Codes so stark wie möglich zum Verschwinden gebracht, dass auch jeder hinterletzte Füdlibürger diese CD kaufen soll. Oder aber die Codes der einzelnen Musikgenres werden so zementiert, dass sie zum Klischee verkommen. Schaut euch bitte diese (eine) Ausgabe von Tracks genau an und du wirst genug dieser Klischees darin finden. Ein Gesamtkunstwerk findet man oft bei Musikern oder Bands, die Genre prägend sind oder etwas zu sagen haben, die halt wichtig für Geschichte der Rockmusik sind oder aber im Underground agieren. Umso stärker dies der Fall ist, umso weniger brauchen diese Musiker auf diese Marketing Strategien einzugehen.

Tracks: “Die Not hat ein Ende – The Swiss Art Of Rock” ist nach “HOT LOVE – Swiss Punk & Wave 1976-1980” (2006) und “HEUTE UND DANACH – The Swiss Underground Music Scene Of The 80’s” (2012) der Abschluss der Trilogie. Wie zufrieden bist du mit den drei Büchern in der Rückschau?  Gib es etwas, das du heute anders machen würdest?

Lurker Grand: Zufrieden ist für mich im Kontext mit diesen drei Büchern der falsche Zustand. Viel wichtiger ist mir, dass ich es durchgezogen habe. Ich habe damit 2003 angefangen, sprich in 12 Jahren drei Bücher, was sag ich Bücher, Wälzer herausgebracht. Damit herging eine Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit. Diese fand Ende der Siebzigerjahre durch den Punk ihren Anfang, die dann durch den Postpunk in den 80er-Jahren ihre intensivste Phase bis zum heutigen Tage erreichte. Ich tat dies nicht alleine, sondern mit vielen meiner Freunde, Weggefährten und Bekannten, und ganz wichtig ist mein Verleger Patrick Frey, alle sind mit mir diesen Weg gegangen.

Alleine wäre dies schlichtweg unmöglich gewesen. André Tschan und Sam Mumenthaler waren dabei genauso wichtig. Hunderte von Weggefährten, die mich in den letzten vierzig Jahren meines Lebens begleitet haben, sind Teil dieser Bücher. Ich glaube, dass in dieser Form noch keine Musikbücher geschrieben wurden, was heisst hier geschrieben? … ich habe die drei Bücher  12 Jahre gelebt. Wir haben fantastische, intensive und auch schwierige Epochen in unserem Leben zusammen aufgearbeitet, und genau so entstanden auch diese Bücher. Ich glaub, dies war wichtig für jeden von uns, ich hab das so empfunden, da ich von den meisten die ich angefragt habe, die volle Unterstützung erhalten habe. Wichtig hier noch zu erwähnen wäre sicher auch, dass wir uns die komplette Freiheit nahmen dies so zu machen wie wir es für richtig hielten, es gab in keiner Art und Weise eine Einschränkung, auch Geld spielte keine Rolle, da es uns nicht als wichtig erschien, sondern jeder hat seine ihm zu Verfügung stehenden Ressourcen und Fähigkeiten eingebracht, ganz nach der Ideologie der Begrenzung.

Das Buch “Die Not hat ein Ende – The Swiss Art Of Rock” ist hier erhältlich:

www.klangundkleid.ch/books/detail.asp?ID=35596

“HOT LOVE – Swiss Punk & Wave 1976-1980” und “HEUTE UND DANACH –  The Swiss Underground Music Scene Of The 80’s” sind ausverkauft.

Link zu den Buchvernissagen: www.klangundkleid.ch/events/

Hanns
About Hanns Hanneken 559 Articles
Hanns, der Gründer von TRACKS, ist der CH-Musikszene seit den 80er-Jahren als Produzent, Musiker und Redaktor eng verbunden. Er war jahrelang Chefredaktor des Schweizer Musikmagazins MUSIC SCENE, des deutschen Magazins MUSIK SZENE und arbeitete für u. a. MUSIK EXPRESS, METAL HAMMER.