JEANS FOR JESUS 19XX_2XXX

JEANS FOR JESUS
19XX_2XXX
Universal

Heya, da ist es also endlich, das neue Werk von Jeans for Jesus, den highly acclaimed Bernern, den Neuerfindern des Pop, herrje, was wurden die gelobt als Weltenretter. Ihr selbstbetiteltes Debüt 2014 war in der Tat sehr intelligenter Pop mit feinen elektronischen Ecken und textlichen Kanten, die Voraussingle «Estavayeah» war ein herrlicher Ohrwurm, und Jeans for Jesus wurden als beste neue Popband gelobt. Drei Jahre später folgte «PRO»: Das Album brach recht radikal mit dem Vorgänger, verlagerte die Musik mit massenhaft Synthie und Vocoder von Pop zu irgendwie Neupop, ohne dass sich die Jungs festgelegt hätten, ob sie nun Mumblezeugs oder Trapzeugs oder, sagen wir: Konventionellpopzeugs sind, wofür die Band dann in Steigerungsform als Weltretter gefeiert wurden, aber man hätte das Album auch als Irgendwaszwischenstuhlundbankzeugs begreifen können. Auf «19XX_2XXX» nun gehen die Jungs in die volle Konsequenz zu «PRO»: Hier fransen die Songstrukturen an den Rändern aus, die Songs bestehen aus lose zusammengefügten digitalen Pattern. Der Gesang ist in Kopfstimme durch den voll aufgedrehten Vocoder so verfälscht, dass man die Stimme als Instrument wahrnimmt, der Text ist nicht mehr verständlich. Will heissen: Nichts hat mehr klare Strukturen. Was wiederum heisst: Nichts ist von Bedeutung. Was wiederum heisst: «19XX_2XXX» ist ein grossangelegtes Soundscape, das man intensiv hören muss beziehungsweise sofort zur Hintergrundmusik zerfällt, falls die Konzentration nachlässt. Man kann sich das als Quadratur von The XX vorstellen.
Sollte «19XX_2XXX» als Statement zu unserer Zeit gemeint sein, kann man das Album nur als Ganzes betrachten: Ein einzelner Song spielt keine Rolle mehr, eigentlich spielt nicht mal das Album eine Rolle. Sogar die ungeordneten Texte im Booklet sind mit Schriften gesetzt, die einem das Lesen schwer machen. Der Albumtitel ist so kompliziert wie das besungene Zeitalter, mit entsprechendem Cover. So gesehen ein sehr kluges Werk. Muss es wohl, denn die Songs hören sie nie an wie missraten, sondern immer wie sehr überlegt zusammengesetzt. In dieser Logik ist es, nebenbei erwähnt, ein schwerer Fehler, dass die Songtexte immer wieder mit erklärenden Texten ergänzt sind. Weil wenn das Album ein so radikales Statement sein soll, muss man es nachher nicht erklären wollen.

Christian Hug

Christian
About Christian Hug 177 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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