INTERVIEW – Tobias Sammet, Avantasia

Mit „Moonglow“ hat Tobias Sammet und sein Avantasia-Ensemble einmal mehr ein Meisterwerk am Start, welches die stetig wachsende Fanschar mit Sicherheit begeistern wird. In unserem ausführlichen Review gibt es alles zur neuen Platte zu lesen. Was der immer gut aufgelegte und super sympathische Sänger und Songwriter im Gespräch mit TRACKS sonst noch so alles zu erzählen wusste erfahrt ihr hier.

Die ersten Edguy-Alben fanden viele Metalheads Mitte der 90er Jahre richtig geil und sie waren damals völlig gegen den Trend und genau das Richtige für traditionelle Metalfans, die nach der Grunge-Welle diese Art Musik vermissten. Es ist eigentlich komisch, dass genau Edguy später plötzlich von traditionellen Fans belächelt wurden, obwohl ihr diese Musik eigentlich gegen den Trend gestartet habt, noch vor Hammerfall & Co. Regt Dich das manchmal auf oder geht dir das am Arsch vorbei ?

Nein ich rege mich da nicht drüber auf. Ich kann es zwar nicht ganz nachvollziehen, aber das macht auch nichts. Ich weiss, was in meiner Plattensammlung alles drin ist und wo meine Wurzeln sind. Ich war damals mit Edguy am Anfang in der Underground Szene gut integriert und verwurzelt und als wir plötzlich Erfolg hatten, wurde uns das halt nicht zugestanden und irgendwie übel genommen.

Und man muss auch klar sagen, dass ihr im Gegensatz zu Hammerfall oder andere ähnliche Bands auch nie stagniert habt. Für viele Fans ist aber „Hellfire Club“ der letzte grosse Edguy-Klassiker, danach haben Avantasia diesen sehr bombastischen Stil eigentlich weitergeführt während Edguy logischerweise eher simpler wurden, um das irgendwie abzuheben. Es muss für dich doch irgendwie sehr schwierig sein, das voneinander zu trennen?

Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht. Beide Bands haben sich bald einmal geöffnet für neue Einflüsse und für mehr Abwechslung. Die Musiker, die dazu kamen haben natürlich auch immer Veränderungen mitgebracht und uns zu Sachen geführt, die vorher gar nicht möglich waren. Ich habe jetzt 18 Platten geschrieben und musste mich irgendwann öffnen und Neues ausprobieren, sonst wäre das alles zu eintönig und langweilig geworden. Ich habe ab einem gewissen Punkt die Scheuklappen einfach abgelegt und mich geöffnet, damit meine Musik, egal ob jetzt für Edguy oder Avantasia, interessant und spannend bleibt.

Kommen wir zum neuen Album. Dieses hat wie sein Vorgänger eine leicht mystische aber immer positive Stimmung. Es ist wie ein Eintauchen in eine Welt voller Wunder, Träume und Magie. Wie schaffst du es, bei jedem Album trotz unzähliger völlig verschiedener Musiker immer so homogen zu bleiben und über ein ganzes Album die Stimmung beizubehalten?

Ich denke da nie darüber nach oder plane irgendwas, wenn ich an ein neues Album rangehe, sondern ich schreibe mir meistens einfach die Dinge von der Seele, die sich angestaut haben. Sei das jetzt Musik, also irgendwelche Melodien oder Harmonien oder dann Texte. Ich will auch nicht Musik machen, um einem bestimmten Publikum oder Fankreis zu gefallen. Ich bin selber ein grosser Fan von ganz verschiedenen Arten von Musik, also zum Beispiel von Meat Loaf oder Bon Jovi, aber auch von Judas Priest und Iron Maiden oder von Bach und Beethoven. Das alles kommt dann zusammen und ergibt irgendwo meinen Background, aus welchem dann die Songs und Stimmungen für Avantasia entstehen.

Der erste Song der neuen Scheibe, „Ghost In The Moon“, ist eines der ganz grossen Highlights des Albums. Was an „Ghost In The Moon“ besonders gefällt ist dieser Meat Loaf-Touch, der Track würde sich auf „Bat Out Of Hell“ auch gut machen. Meat Loaf wäre somit absolut prädestiniert gewesen für die Vocals in diesem Song. Habt ihr versucht, ihn zu kontaktieren?

Ich bin auf jeden Fall ein sehr grosser Fan von Meat Loaf und von Jim Steinman. Ich wollte Meat Loaf für diese Platte aber nicht gewinnen. Ich hatte das schon früher bei einer anderen Avantasia-Scheibe mal versucht, aber man sagte mir, dass er seine Karriere beendet hat und nicht mehr aktiv sei. Bei „Ghost In The Moon“ war eigentlich eine Sängerin geplant gewesen. Sascha Paeth, unser Produzent, sagte mir nach dem Einsingen meiner Demovocals, dass es eigentlich so schon absolut perfekt sei. Das war natürlich ein ganz tolles Kompliment für mich und so ist jetzt bei dem Song schlussendlich gar kein Gast involviert.

Dafür hast Du mit Hansi Kürsch von Blind Guardian den perfekten Sänger für das grosse Epos der Platte: „The Raven Child“. Er passt wie die Faust aufs Auge und der Song wächst, wie die ganze Platte, bei jedem Durchlauf mehr und mehr. Hier schliesst sich auch ein Kreis zu alten Edguy Tagen (Hansi sang 1998 schon einmal als Gast für Edguy einige Vocals ein auf dem „Vain Glory Opera“ Album).

Bei Hansi war ich leider nicht dabei, als er seine Sachen aufgenommen hat. Er hat mir aber danach gesagt, dass es ihm viel Spass gemacht hat. Eigentlich war er ursprünglich gar nicht vorgesehen gewesen für diesen Song, sondern eine Sängerin war geplant. Irgendwann verwarfen wir diesen Plan wieder und wollten es mit Hansi versuchen, was sich als geniale Sache herausstellte. Der Song klang eigentlich gar nicht so nach Blind Guardian, aber dank seiner Stimme wechselte sich plötzlich die Stimmung und das Resultat spricht für sich.

Geoff Tate (ex-Queensryche) singt auch phänomenal auf deinem neuen Album. So stark war er aus meiner Sicht zuletzt auf „Empire“, und das ist sehr lange her. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm abgelaufen, hatte er Spass mal wieder echten Metal zu singen?

Ich hatte mit ihm ja schon auf der „Ghostlights“ zusammengearbeitet, allerdings hatte ich ihn damals nicht persönlich getroffen bei den Aufnahmen. Bei der letzten Tour standen wir dann zusammen auf der Bühne und ich war völlig begeistert ab seinem Gesang und seiner Performance. Also fragte ich ihn, ob wir nicht für diese Platte nochmal zusammen was machen könnten. Aber diesmal wollte ich mit ihm persönlich im Studio an den Songs arbeiten und die Aufnahmen zusammen durchführen. Er sagte zu und so schrieb ich die beiden Songs für ihn mit seiner Stimme im Hinterkopf. Wir hatten viel Spass und ich bin immer noch geflasht von seiner Performance auf dem neuen Album. Das ist auch ein Kindheitstraum der in Erfüllung geht, wenn du mit deinen einstigen Idolen plötzlich zusammen an Songs arbeiten darfst. Das macht mich schon stolz und sehr glücklich.

Du erinnerst mich manchmal ein wenig an Roy Z, der es auch immer wieder geschafft hat, alten Helden zu neuem Glanz zu verhelfen (Bruce Dickinson oder Rob Halford als Beispiel). Auch bei Dir klingen Hansi Kürsch, Geoff Tate oder Michael Kiske wieder wie in ihren besten Zeiten. Macht Dich das stolz?

Ich mache das ja eigentlich aus purem Eigennutz (lacht). Ich bin ja selber grosser Fan von diesen Künstlern. Es ist mir immer wieder eine grosse Ehre, dass ihnen meine Musik gefällt und sie mit mir Arbeiten möchten. Ich bin dann echt auch wie ein kleiner Junge, sobald nach der Produktion aus dem Studio der erste Mix bei mir ankommt oder ich die fertigen CDs aus dem Presswerk erhalte. Das ist immer eine Riesenfreude und macht natürlich auch sehr stolz ja. 

Was hat es mit der „Maniac“-Coverversion (vom Flashdance Soundtrack) auf sich? Der Song macht zwar Spass und ist super umgesetzt, fällt aber gegenüber den eigenen Songs klar ab und klingt fast so, als hätte es ein Japan-Bonustrack aus Versehen aufs Album geschafft? Hast du das Stück selber ausgesucht oder wurde es von der Plattenfirma ausgewählt?

Das ist sehr spontan noch entstanden. Ich wollte einfach unbedingt diesen Song covern, weil ich ihn so geil finde. Das kam also von mir und war ein persönlicher Wunsch. Wir dachten eigentlich, dass er schlussendlich mal als Bonustrack verwendet werden könnte. Aber als er dann fertig war und Eric Martin seine fantastischen Vocals eingesungen hatte, war ich so begeistert vom Endresultat, dass ich ihn unbedingt auf der Platte haben wollte. Ich weiss, es macht eigentlich keinen Sinn, eine solche Coverversion auf einer Avantasia-Platte zu platzieren. Aber wir machen Metal und da muss ja nicht alles immer einen Sinn haben (lacht).

Es erstaunt ein wenig, dass die deutsche Metalsängerin schlechthin, Doro Pesch, noch nie auf einem Avantasia-Song gesungen hat? Absicht oder hat es einfach nie gepasst?

Das ist sicher keine Absicht, es hat sich einfach noch nicht ergeben. Aber ich würde das sicher in Zukunft gerne mal machen, ich finde Doro super. Es war einfach bis jetzt noch kein Song dabei, der danach verlangt hat. Meist sagen mir meine Songs beim Schreiben und Entstehen, was sie brauchen. Ich höre beim Komponieren schnell einmal eine passende Stimme Kopf und versuche dann herauszufinden, welcher Sänger oder welche Sängerin so eine Stimme haben könnte. So komme ich dann meistens auf die verschiedenen Gäste für Avantasia.

So langsam dürfte es schwierig werden, die Setlist zu machen für die anstehenden Gigs. Bereitet dir die Auswahl der Stücke für die Setlist Bauchschmerzen und was können wir erwarten für die beiden Z7-Konzerte im April 2019?

Das ist tatsächlich jedes Mal sehr schwierig und wird mit jedem noch dazu kommenden Album noch schwieriger. Wir werden vermutlich wieder drei Stunden spielen, um auch viele neue Stück präsentieren zu können. Natürlich müssen auch Sachen von „The Metal Opera“ immer dabei sein und für mich ganz wichtig von „The Scarecrow“. Aber schlussendlich kommt es auch auf die verschiedenen Gastmusiker an und wir werden versuchen, alle Phasen von Avantasia abzudecken und eine unvergessliche Show zu bieten.

Du hast schon so unglaublich viel erreicht, was sind Deine Ziele und Träume?

Ich habe keine Liste mit Zielen, die ich abarbeite. Ich bin einfach sehr dankbar, denn ich habe schon so viele Dinge erreicht, die ich mir nie auch nur erträumt hätte. Ich durfte auf Tournee gehen mit meinen absoluten Lieblingsbands und mit meinen Idolen im Studio an Songs arbeiten. Was ich mir wünsche ist mehr, dass diese Regelmässigkeit nicht mehr als selbstverständlich angesehen wird. Ich möchte nicht die Pflicht haben, in einem vorgegebenen Rhythmus Platten von Avantasia und Edguy rausbringen zu müssen ohne Rücksicht auf die Qualität und Inspiration. Ich wünsche mir die Gelassenheit, dass ich auch mal eine Pause machen kann und eine Platte dann mache, wenn ich gute Musik bereit habe und voll dahinter stehen kann.

Michael
About Michael Vaucher 76 Articles
Michael Vaucher schreibt seit 2011 für's TRACKS Magazin im Bereich HardRock/Heavy Metal. Zudem ist er der Gründer der Schweizer Metalband EMERALD, welche seit 1995 aktiv ist und bereits 7 Alben veröffentlichte.

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