Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #9 – Live sterben

Live
sterben

Während des diesjährigen Glastonbury-Festivals verstarben zwei Menschen. Ein 26-jähriger Mann, der verunreinigtes Ketamin gefressen hat, ein Mittel, mit dem man ansonsten hyperventilierende Pferde ruhigstellt. Und eine 67-jährige Frau, die eines natürlich Todes verschied. Ich war nicht dabei, aber an der Pressekonferenz haben die Organisatoren sicher die Todesfälle bedauert und den Angehörigen ihr Beileid ausgesprochen. Das ist gut und recht so. Dann haben sie wahrscheinlich das Thema gewechselt.
Schade eigentlich. Denn man hätte da durchaus noch die eine und andere Anmerkung machen können. Zum Beispiel, dass bei annähernd 200’000 Festivalbesuchern ein einziger Todesfall infolge Überdosis ein ziemlich guter Wert ist. Und dass wir mit dem betreffenden jungen Mann kein Mitleid haben. Er wusste ja, worauf er sich einliess.
Zu der 67-jährigen Frau hätten die Veranstalter anmerken können: Und hey: Das sind gleich zwei gute Nachrichten! Erstens: Die gute Frau hat den Beweis erbracht, das Rock’n’Roll keine Frage des Alters ist, im Gegenteil. Mit vielen Lenzen macht Rock’n’Roll erst richtig Spass. Und zweitens: Gibt es einen schöneren Tod als während eines überwältigenden Konzertes?
Das hätten die Organisatoren sagen sollen. Wobei allenfalls abzuklären gewesen wäre, bei welchem Konzert die Dame denn genau das Zeitliche segnete. Beziehungsweise: aus Freude oder aus Entsetzen? Letzteres kann ich mir zum Beispiel bei einem Auftritt der Pixies ganz gut vorstellen. Oder bei Clannad, Gott bewahre! Oder bei Imagine Dragons, die ebenfalls am diesjährigen Glastonbury-Festival auftraten. Umgekehrt: Vor lauter Freude über die Black Keys umkippen? Schöner Tod! Oder während Dolly Parton grad «I Will Always Love You» singt. Und bei Roxy Music wäre der Abgang immerhin überaus stilvoll.
Wichtiger aber scheint mir die Erkenntnis, dass Rock’n’Roll ein Lebensstil ist und als solcher ein ganzes Leben lang gilt. Und genau da hatte ich am vergangenen Greenfield-Festival Anlass zur Sorge, ob das unser Nachwuchs ebenfalls begriffen hat. Es war während des Konzerts von Sabaton. Da standen zwei Teenies vor mir, keine zwanzig und schwer verliebt. Und während Joakim Brodén und seine Männer den glorreichen Metalizer beschworen, sang das Mädel das ganze Lied mit – mit dem Rücken zur Band und permanent ihren Typ anstarrend. Dieser wiederum starrte unbeirrt nach vorne. Um an dieser Stelle ein neudeutsches Kürzel zu verwenden: WTF?
Immerhin: Es war wohltuend zu sehen, dass Brodéns Fussballerfrisur und Fussballerspiegelbrille kein Vorbild für die Metal-Jugend abgibt. Das wäre ein schrecklicher Tod.
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 5 14 (September/Oktober 2014)

Christian
About Christian Hug 57 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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