Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #50 – Wieder nichts

Wieder
nichts

Mit dem Kalenderjahr geht auch das Musikjahr zu Ende, und wie immer, wenn etwas zu Ende geht, kommt die Frage auf: Was bleibt? Diese Frage ist einfach zu beantworten: Wer schon vorher da war, war auch dieses Jahr da. Die Leser des Rolling Stone zum Beispiel haben wie immer Bob Dylan, Bruce Springsteen und Neil Young zu den besten Musikern des Jahres gewählt. Mit viel gutem Willen kann man da immerhin von zuverlässiger Beständigkeit reden.

Was uns dann aber direkt zur viel interessanteren Frage führt: Was ist neu? Auf der Suche nach Antworten, die uns auch auf deren Wichtigkeit hinweisen, hilft uns die simple Frage: Von welchen Neukommern haben wir im vergangenen Jahr mehr als zehnmal etwas gehört oder gelesen? Leider leider ist diese Frage auch dieses Jahr schnell beantwortet beziehungsweise: Das waren nicht viele. Diesmal sind es Billie Eilish, Lizzo und Ashnikko, die über die Pop-Welt hinaus als Retterinnen derselben im Gespräch waren. Das ist angesichts der bis zur Unerträglichkeit massigen Flut von neuen Musikerinnen und neuen Musikern mit neuen Platten erschreckend wenig.

Aber kommen wir zur nächsten Frage, denn jetzt wird’s erst richtig traurig: Was haben uns Billie Eilish, Lizzo und Ashnikko zu sagen?

Billie Eilish ist ein 17jähriger Teenager mit Depressionen und Suizidgedanken. Lizzo ist massiv übergewichtig und singt «Truth Hurts», gibt sich aber trotzdem fröhlich. Und Ashnikko ist ein Twenty-Something, die mit dem Hammer Jungs erschlägt und dank einer chinesischen App für 15-Sekunden-Snippets unverhofft berühmt geworden ist. In Interviews sagt sie dann, das bluttriefende Video sei nicht so ernst gemeint, wie es vielleicht aussehen mag.

Ein depressiver Teenager, eine übergewichtige Ich-bin-auch-wer und eine Lustig-Hammerschwingen-Göre also. Im Zuge der Frauenbefreiungsbewegung kann man diese Bilanz mit viel gutem Willen als Beiträge zur Selbstermächtigung betrachten, auch wenn Selbstermächtigung schon als Wort sehr bemüht klingt.

Aber wenn das die Bilanz der Neuheiten in diesem Jahr ist, dann war das vergangene Pop-Jahr echt fürn Arsch. Weil diese drei Acts vor allem für Verzweiflung, Orientierungslosigkeit und Hilfslosigkeit stehen. Die Welt ist ja soooo böse. Man kann an ihr nur verzweifeln, verzweifelt so tun, als wäre alles in Ordnung, oder überreagierend mit dem Hammer dreinschlagen. Alle drei Reaktionen bleiben Verzweiflung. Aber Verzweiflung ist ein schlechter Motor. Und wir haben noch nicht mal über die Musik gesprochen…

Wir warten also weiterhin auf den neuen Pop-Messias. Jemand, der so kluge Platten machen kann wie Deichkind oder King Gizard. Jemand, der nicht jammert, sondern aus einer Selbstverständlichkeit heraus handelt. Jemand, der nebst klugen Gedanken auch kluge Musik formulieren kann.

Wir geben die Hoffnung nicht auf.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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