Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #44 – Chanson Motherfucker

Photo: HUÄR INÄ

Chanson
Motherfucker

Also letzthin war ich an einem Konzert. Beziehungsweise an einem Anlass mit Konzerten. Da spielten Haïrdryer, so eine Bon-Jovi-Rockband, die liessen dann den True Rock hochleben und sangen Zeugs wie My Heart of Rock und Rock Forever und so. War mässig. Aber irgendwann, während sich der Sänger zum tausendsten Mal mit der Hand durch sein wehendes Haar fuhr, schoss es mir durch den Kopf: Rocker und mit ihnen die Metaller singen gerne über den Rock und den Metal, den wahren, den einzigen, Love of Metal.

Und die Hip-Hopper. Die machen auch so ein Gschiis um den True Hip Hop und wie der im Heart burns. Beziehungsweise in den Klunkern. Und auch wenn die Hip-Hopper eigentlich immer um alles ein Gschiis machen, so sind sie und die Rocker und die Metaller eben doch die einzigen, die mit Vorliebe ihren eigenen Musikstil besingen, so eine Art selbstreferenzielle
Selbstbestätigung. Alle anderen tun das nicht. Man stelle sich vor, Beatrice Egli, wie sie ihre Faust in die Höhe reckt und trällert «wir stehen zusammen für den wahren Schlager, ah, uuh». Oder noch schlimmer die Singer und Songwriter, schrammeln einen besonders sanften Dur-Akkord und murmeln «hey, singing/songwriting is the only way of life, hey», du meine Güte. Oder ZAZ: «Je suis a chanson mötherföcker, nou sommes tous des chanson mötherföckers.»

Diese Erkenntnis brachte mich ins Grübeln. Warum ist das so? Ich habe nichts herausgefunden. Und niemand von denen, dich ich fragte, konnte mir weiterhelfen. Ich bekam nur Schulterzucken, während sich der Sänger auf der Bühne zum tausendundersten Mal mit der Hand durch sein wehendes Haar fuhr und «it’s the Rock, baby» sang.

Irgendwann sagte einer meiner Freunde: «Gehen wir weiter?» Ich war sofort einverstanden, und wir zottelten ins Kafi-Zelt, wo ein Ländlertrio namens Huär inä spielte. Also Huär inä ist Nidwaldner Dialekt und heisst ungefähr so viel wie «gopf!», wenn man leicht angefressen ist. Huär inä sind drei Jungs, zwei Handörgeli und Stehbass, und sie waren schon ordentlich angesäuselt vom vielen Kafi Träsch und Eierlikör, den sie sich fleissig reinschütteten. Sie machten Witze, scherzten mit Kollegen im Publikum, nahmen einen Schnupf, örgeleten heiter und, weil sie nach sechs Stunden spielen schon ziemlich angetrunken waren, auch ein bisschen ungenau.
Aber das war gleichermassen cool und lustig! Das war wie die Pogues früher, als sie sich auf der Bühne regelmässig von den Stühlen gesoffen haben. Das war zehnmal mehr Rock’n’Roll als der Rock’n’Roll im Zelt vorhin. Das war herrlich. Und niemand hat die Faust gen Himmel gereckt und «True Ländler» gerufen. Ganz offenbar geht das auch ohne dauernde Selbstbestätigung. Man muss es halt einfach nur tun.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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