Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #39 – Herr Konrad geht tief

Herr Konrad
geht tief

Das Stück «Ma Chérie» von DJ Antoine ist auf Platz 4 der ewigen Schweizer Hitparade. Und man fragt sich ganz besorgt: Wer zum Teufel fügt sich selber freiwillig derartige Schmerzen zu? Das müssen Menschen sein, deren Welt keinerlei Berührungspunkte mit meiner Welt hat, fremde Wesen aus einem Paralleluniversum. Aber das ist okay, wir sind ja entschieden für Pluralismus. DJ Antoine war immer schon das Sprachrohr der weltfliehenden Partypeople, die beim Partymachen zuallerletzt mit Tiefgang belästigt werden wollen, thank god it’s Friday und so, ihr wisst schon. DJ Antoine alias Antoine Konrad macht Werbung für dicke Zigarren und teure Champagner, er fliegt mit einem Privatjet durch die Welt und bedient Partyleute mit inhaltslosen Klangformaten. Und er ist der einzige Musiker, der seine Fans als Kunden bezeichnet. Das hat er tatsächlich vor Jahren mal in einer Fernsehtalkshow gesagt. Meine Kunden. Die ganze Sendung über. Kurz: DJ Antoine steht für Hedonismus.

Nun hat DJ Antoine ein neues Album raus, sein gefühltes tausendstes, weil sich seine Musik ja quasi ohne Vorlauf am Laufmeter produzieren lässt, es heisst «The Time Is Now». Das klingt super, weil ja auch House-Platten irgendeinen Titel haben müssen, und bei House-Tracks hat das zumindest den Vorteil, dass man wenigstens die Albumtitel voneinander unterscheiden kann. All das ist okay, ich sag’s gerne nochmal, wir sagen Ja zum Pluralismus. Und immerhin kann er mit 20 Jahre jüngeren Models rummachen, wir hingegen nicht.

Was mich aber irritiert, ist das, was DJ Antoine zu seinem neuen Werk und zum Titel seines neuen Werkes sagt. Ich zitiere: «Mein neues Album soll Menschen einander näherbringen und uns daran erinnern, dass es Zeit wird, etwas zu ändern auf der Welt.»

Klingt schön und gut. Aber was in aller Welt meint Antoine damit? Was soll geändert werden auf der Welt? Und von wem? Und wie? Und warum? Also wenn ich zum Beispiel alle meine DJ-Antoine-Platten in den See werfe, dann ist gemäss Heraklit die Welt nachher eine andere. Hat DJ Antoine sowas gemeint mit «etwas ändern auf der Welt»? Ist er ein Philosoph? Oder will DJ Antoine am Ende tiefer schürfen, viel tiefer, und seine Kunden dazu anregen, handgreiflich die Welt zu retten? Weil wir haben ja Klimawandel und Mikroplastik und Atomkraft und House-Musik und Massentierhaltung, es gäbe also fürwahr viel zu tun. Da wäre es auch für die Hedonisten eine Zierde, mitzuhelfen und «etwas zu ändern auf der Welt». Weil das wäre ja irgendwie noch cool und irgendwie auch so persönlich und DJ Antoine bliebe dann weiterhin der Held seiner plötzlich umweltbewusst gewordenen Kunden.

Wir wollen jetzt aber keine Mutmassungen anstellen, dafür ist DJ Antoines Bemerkung einfach zu vage. Aber wie er selber wahrscheinlich sagen würde, wenn man ihn fragen würde, während er grad in seinen Privatjet steigen würde: Hey, ist doch schön, haben wir darüber gesprochen.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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