Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #35 – Ans Örgeli, Leute!

Pflanzblätz. Bild: André Niederberger, Stans

Ans Örgeli,
Leute!

Jetzt sind die Stanser Musiktage auch schon wieder Geschichte. Falls Sie dieses schöne Festival noch nicht kennen: Es gibt haufenweise erstklassige Weltmusik und Jazz und alles, was dazwischenliegt oder darüber hinausgeht. Und zwar dezentral inklusive Gratiskonzerte, Kunst und Essen und immer eine Woche nach Ostern. Dieses Jahr zum Beispiel mit Amadou & Mariam, Hejira und Pep Torres, La Chiva Gantiva, und Blind Butcher haben ein wunderbares Projekt umgesetzt mit kognitiv Behinderten.

Die Stanser Musiktage sind nach jahrelangem Wachstum und landesgrenzenüberschreitender Beachtung aus internen und Wettergründen in sich zusammengebrochen und wurden vor ein paar Jahren von einem neuen Team auf wunderbare Weise aufgefangen. Aber die Kasse war leer, und so musste man sich neu ausrichten. Sprich: Weniger Grossbands aus aller Welt einfliegen, dafür sich mehr auf die heimische Musik konzentrieren. Entsprechend ihrer Ausrichtung auf Weltmusik war in den letzten Jahren merklich viel Schweizer Volksmusik zu sehen und zu hören – halt jetzt! Nicht weglaufen! Ich habe nicht Hudigäggeler gesagt, ich spreche von Schweizer Worldmusic. Genauer gesagt von der neuen Volksmusikszene, die sich in den letzten sechs, sieben Jahren in aller Stille herausgebildet hat: Meist junge Musiker sind tief in unserer Volksmusik verwurzelt, sie sind hoch virtuos, und sie weiten die Grenzen des Ländlers sachte, kenntnisreich und virtuos aus. Nicht so anarchisch, wie das Christine Lauterburg einst getan hat, nicht so introvertiert wie einst Hans Hassler und schon gar nicht so verkopft, wie das Jazzer bisher getan haben.

Der Handörgeli-Fanatiker Markus Flückiger zum Beispiel: Da wird einem warm ums Herz. Dieses Jahr spielte er an den Stanser Musiktagen mit Nadja Räss, die derzeit meistgelobte Jodlerin – während Flückigers Sohn Dominik mit seiner Formation Rändöm (man beachte die Motorhead-ö-Pünktchen) die Jazz- und Klassik-Hintergründe der Musiker in alten Weisen vereinte. Pflanzblätz haben nach vielen Jahren musikalischer Reisen bis nach Finnland die Schweizer Volksmusik neu erfunden, ohne derselben untreu zu werden, etwas vom Besten, was es derzeit in diesem Sektor zu hören gibt. Echo vom Schattenhalb örgelen, dass sich das Kafi Lutz aufklart, und wenn Natur Pur Moutataler Juize vortragen, ist das Punk (okay, das waren die Muotataler schon immer). Simon Dettwiler von Pflanzblätz spielt auch bei der Landstreichmusik, die machen herrliche Stückli mit dem Supergeiger Matthias Lincke. Weltklasse-Geiger Andreas Gabriel rockte das Haus mit Techtelmechtel, bei denen auch Markus Bircher örgelet, er ist einer der drei Bircherix-Brüder. Ach, und so weiter und so weiter. Was ich sagen will: Die neue Schweizer Volksmusik ist etwas vom spannendsten, was derzeit in der Musik so läuft. Wir sehen uns spätestens an den nächsten Stanser Musiktagen.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
About Christian Hug 81 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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