Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #32 – Sei keine Heulsusi

Sei keine
Heulsusi

Wir haben die russische Kältepeitsche überstanden, die Ozonschicht macht sich wieder dick, und Trump hat den grössten aller roten Knöpfe immer noch nicht gedrückt: Noch sind wir am Leben, wir freuen uns, und dazu passt die Ankündigung eines neuen Albums, das «YOU WILL NOT DIE» heisst, in Grossbuchstaben geschrieben: Es ist das Europadebüt des in unseren Breitengraden absolut unbekannten südafrikanischen Musikers Nakhane. Er ist der superduper swagydagy Obernewcomer, jubelt die Plattenfirma, Nakhane ist der (ich zitiere) «Erretter des Neo-Souls». Echt jetzt: der «Erretter des Neo-Souls». Nicht der «Retter», der dann eher ein gewöhnlicher Mensch wäre, sondern der «Erretter», der in unserem Sprachgebrauch dann eher als Gott vom Himmel kommt. Abgesehen davon ist es deprimierend, wenn der Neo-Soul, der eben erst den Soul retten musste, jetzt schon seinerseits gerettet werden muss.
Nun denn: Beim Anblick des Covers von «You Will Not Die» erschrickt man fast zu Tode: Nakhane sieht aus wie eine Pokemon-Version von Grace Jones, also komplett Gender-frei, er oder sie oder es streckt die Arme hoch, damit wir Achselhaare sehen, oho jetzt aber, er oder sie oder es ist spindeldürr und glatzköpfig und wirkt in seiner ganzen Haltung wie gekreuzigt oder zumindest geopfert.
Vielleicht muss man jetzt dazu sagen, dass Nakhane schwul ist und schwarz und auf der Suche nach seinem wahren Ich, und das ausgerechnet in Südafrika, wo nur Machos ernst genommen werden. Da ist es wahrscheinlich tatsächlich mutig von Nakhane, als achselhaariges geschlechtsloses Wesen vom Schwulsein zu singen.
Doch leider interessiert mich das üüüüüberhaupt nicht. Nicht die Bohne. Null. Es nützt weder mir noch Nakhane noch den Südafrikanerinnen oder den Südafrikanern, wenn ich mich mit Nakhane solidarisiere. Das würde genauso wenig nützen, wie wenn ich in der Schweiz gegen die Beschneidung von Frauen in Südsomalia protestiere oder Unterschriften gegen die Zwangsheirat in Nordwestpakistan sammle. Und nun kommt mir ja nicht übereifrig mit dem Vorwurf, ich sei schwulenfeindlich. Ich hab bloss kein Interesse am Outing eines Südafrikaners in Südafrika.
Was mich hingegen interessiert, ist Nakhanes Musik. Und die ist zwar nett, aber leider nicht mehr. Und vor allem: Sie ist bloss Gejammer. Ooooh, ich muss so leiden, weil ich schwul bin, und muss noch mehr leiden, weil ich nicht weiss, ob ich Mann sein will oder Frau oder nichts von beidem, ooooh. Tja. An Gejammer bin ich entschieden noch weniger interessiert als an einem südafrikanischen Outing. Weil Selbstmitleid nervt. Ich will Gejammer einfach nicht hören. Weil es nichts und niemanden weiterbringt. Leute mit Lösungen sind mir lieber.
Fazit: Nakhane ist leider nicht der Erretter des Souls. Der kann ja nicht mal sich selber retten. Das Album erscheint am 16. März.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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