Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #31 – Cultural Bullshit

Cultural
Bullshit

Bis vor kurzem hatte ich nicht den blassesten Dunst, was Cultural Appropriation ist. Ich wusste nicht mal, dass es diesen Ausdruck gibt. Gut, man hat schon immer darüber diskutiert, dass die Weissen mit Elvis den Schwarzen ihren Rock’n’Roll geklaut haben und dass der Bob Marley nur deshalb berühmt werden konnte, weil er seinem weissen Vater eine hellere Hautfarbe verdankte. Aber das waren ernsthafte Diskussionen, und mittlerweile haben sich alle Diskussionsteilnehmer bei diesen Fragen auf ein Ja geeinigt.
Nun denn: Cultural Appropriation ist, wenn eine ethnische Gruppe etwas Kulturelles von einer anderen ethnischen Gruppe übernimmt und sich zu eigen macht. Also wenn jetzt zum Beispiel die Eskimos, also sorry, die Inuit, plötzlich anfangen würden Limbo zu tanzen. Das haben nämlich die Trinidader erfunden, darum dürfen nur die Trinidader Limbo tanzen. Wenn das auch die Eskimos, also sorry, die Inuit tun, sind die Trinidader beleidigt. Auf deutsch heisst das «kulturelle Vereinnahmung». Erfunden haben diesen Ausdruck und die zugehörige Diskussion die Amis. Weil die sind ja immer so korrekt, politisch gesehen.
Was mich an der Cultural Appropriation noch mehr verwundert als die oft bis ins Absurde gesteigerten Diskussion, ist das Tempo, mit dem solche Ausdrücke und Diskussionen in unserem Kulturkreis übernommen werden, man könnte das schon fast wiederum als Cultural Appropriation bezeichnen: Kaum haben die Amis den Ausdruck erfunden, kolumniert Frau Binswanger im «Tages-Anzeiger» darüber. Das Kulturmagazin «041» spricht schon in der darauf folgenden Ausgabe des Hefts wie selbstverständlich über kulturelle Vereinnahmung. «Die linke Zürcher Zeitung» (Selbstbezichtigung) «P.S.» spricht ebenfalls umgehend wie selbstverständlich von kultureller Vereinnahmung. Und (jetzt kommts) Yvonne Apiyo Brändle-Amolo (Eigenname), die Präsidentin der SP-Migrantinnen in Zürich, empfiehlt uns Weissbroten in «20Minuten» allen Ernstes, statt Jazz und Blues künftig nur noch Klassik zu hören und keine Dreadlocks zu tragen.
Ich meine: echt jetzt? Soll ich nun alle CDs meines geliebten, völkerverbindenden Jack DeJohnette wegschmeissen? Und meine Sammlung des Rassisten Miles Davis? Und B.B. King, der immer gerne mit Weissen gespielt hat? Bob Marley wäre ohne Eric Clapton, übrigens ein anerkannter Blueser, nie gross geworden. Und dann all das Crossoverzeugs: Was tun damit?
Und dürfen nur Malier mit Herkunftsausweis ans Konzert gehen, wenn Amadou und Mariam an den kommenden Stanser Musiktagen auftreten? Meine Scheisse: Amadou und Mariam würden vor vier ausgewiesenen malischen Emigranten und einer malischen Emigrantin spielen und die ganze Habt-euch-lieb-Botschaft des Sing-Paares würde im Saal verpuffen, aber Yvonne Apiyo Brändle-Amolo würde das total SP-politisch korrekt finden. Wo sie doch als gebürtige Kenianerin selber jodelt.
Und dabei haben wir noch nicht mal darüber gesprochen, dass ausser der Kuhglocke und dem geschwungenen Taler eigentlich alle Instrumente der Schweizer Volksmusik einst aus dem Ausland importiert wurden…
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
About Christian Hug 41 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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