Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #29 – Wir ziehen eine Linie

Wir ziehen

eine Linie

Es war eine fantastische Nacht: Mit einem Mädel, auf das ich schon seit Jahren, nun ja, scharf war, tanzte ich von Mitternacht bis zum Morgengrauen wie wild zu kubanischem Salsa. Natürlich hatte ich nie zuvor einen Salsa-Tanzkurs absolviert, schlimmer noch, ich fand Salsa bis dahin immer irgendwie doof. Oder netter formuliert: Ich hatte keine Ahnung, warum alle Welt den Salsa so mochte. Was auch damit zu tun hatte, dass es während meiner Teenagerjahre und weit darüber hinaus in meiner Welt nur drei gültige Ausdrucksformen des ordentlichen Tanzes gab: den Pogo an Punk-Konzerten, die vom Helikopter begleitete Luftgitarre zum Heavy Metal und das, was DAF für den EBM erfunden hatten.

In jener Salsa-Nacht begriff ich zwei Dinge: Erstens, dass Salsa sehr viel mit Ausgelassenheit und An-die-Wäsche-gehen zu tun hat. Und zweitens, dass diese zwischen Fröhlichkeit und Melancholie oszillierende Volksmusik ebenso viel mit Geschmeidigkeit und Körperbeherrschung zu tun hat. Seither finde ich sogar die Alben von Chica Torpedo grossartig.

Auch mit Flamenco hatte ich lange Zeit meine liebe Mühe. Dieses «Ay ay ay!» und Gestampfe und Geklatsche und Geklampfe auf der Holzgitarre! Doch genau deshalb ging ich an Konzerte von Paco de Lucia, schaute mir Gitano-Filme an und unterhielt mich lange mit Nina Corti. Ich wollte einfach wissen, was genau am Flamenco faszinierend ist. Irgendwann wurde mir klar, dass dieser Tanz genauso viel mit Stolz und Balz zu tun hat wie mit Erdung in der Heimatlosigkeit. Im doch eher steifen Bödele unserer helvetischen Volkstänzer fand ich dann sogar nachvollziehbare Parallelen (an dieser Stelle lieben Dank ans Volkskulturfestival Obwald). Und auf Reisen durch Indien begann ich allmählich eine Ahnung davon zu kriegen, was uns hinduistische Tempeltänze mitteilen wollen.

Wir sehen: Mit etwas Engagement und Gwunder kann man allen verschiedenen Tanzformen dieser Erde vielleicht nicht immer verstehen, aber doch immer irgendwie nachvollziehen.

Ausser Linedance. Sie wissen schon, das, was die Cowboys und Cowgirls zu Countrymusik in Reih und Glied mit ihren Beinen anstellen. Seit Jahren mühe ich mich nun schon damit ab, Linedance zu verstehen. Ich habe Linedancer gefragt. Sie sagten immer nur: «Das ist einfach toll.» Hilft aber leider nicht weiter. Ich habe Countrymusiker gefragt. Sie haben nur ihre Nasen gerümpft, denn sie mögen Linedancer nicht besonders, weil die nie auf die Bühne kucken. Ich habe sogar selber gelinedanced. Hat schrecklich ausgesehen und zu keinen weiteren Erkenntnissen geführt.

Vielleicht, habe ich mir überlegt, geht es bei diesem Mitzähl-Tanz um eine Szene-Kodierung: Wers kann, ist dabei, wers nicht kann, ist draussen. Aber Linedancer sind ausnahmslos nette Menschen, die wollen sich gar nicht abgrenzen. Vielleicht geht es ja nur ums Mitzählen: Wer diese Schrittfolgen beherrscht, ist stark genug, zu Hause das Wohnzimmer ordentlich aufräumen. Vielleicht sind das Leute, die zwar tanzen wollen, aber dabei den Körperkontakt scheuen. Vielleicht… ach, echt, ich begreifs einfach nicht. Kann mir jemand weiterhelfen? Ich geh dann solange das Pferd füttern.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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