Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #24 – Falsett- Memmen

Falsett-
Memmen

Natürlich können Sie jetzt sagen: Dann schalt doch einfach ab. Aber es ist eben so: Wenn meine Freundin morgens aufsteht, ihren ersten Kaffee trinkt und ihre erste Zigarette raucht, dann will sie dazu SRF3 hören. Und als moderner Lebensabschnittpartner habe ich natürlich gelernt, damit zu leben, ohne gleich ein Theater zu veranstalten. Aber das wird immer schwieriger. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie unglaublich viele Songs im Radio laufen, in denen Männer im Falsett singen? Also falls Sie das jetzt nicht wissen: Falsett ist, wenn man die Singstimme um eine Oktave höher von der Brust in den Kehlkopf verlegt. Landläufig auch Fistelstimme genannt.
Falsett an sich ist nichts Schlimmes. Ich meine mich zu erinnern, dass sogar Lemmy in irgend einer Ballade in Kopfstimme gesungen hat, wenn auch nur kurz. Sehr kurz. Quasi nur zwei Wörter. Weil sich ja schon grundsätzlich eine Ballade und der Lemmy irgendwie nicht vertragen. Aber zurück zum Thema: Das Beunruhigende am Falsett ist die Häufigkeit, mit der es in allen Mainstream-Radiostationen zu hören ist. In geschätzt über 50 Prozent aller Songs von Männern singen dieselben mindestens ein paar Zeilen im Falsett. Was uns zur beklemmenden Frage führt: Was will uns das bedeuten?
Wenn es stimmt (und das ist ja allgemeine Lehrmeinung), dass Popmusik und Popkultur den Zeitgeist widerspiegeln, dann bedeutet das viele Fisteln, dass den Männern die Männlichkeit abhanden gekommen ist. Weil maskuline Männer nun mal nicht fisteln. Maskuline Männer singen im Brustton. Oder können Sie sich Johnny Cash vorstellen, der singt, als hätte ihm grad jemand die Eier abgezerrt? Eben.
Und genau das ist das Problem: Der Pop hat das Maskuline verloren. Zumal alle diese Falsettsänger nicht nur fisteln, sondern darüber hinaus auch noch jammern. Das heisst: Entweder sie jammern oder sie fliehen. Entweder finden sie das Leben so unglaublich schampar schwierig und überhaupt schrecklich kompliziert. Oder sie machen fistelnd im Club den Bling-Bling-Pfau. Beides ist in keiner Weise maskulin.
Derweil die Mädels erfreulicherweise selbstbewusst den Ton angeben: Sie singen davon, dass sie es sind, die bestimmen, wo’s langgeht. «Ain’t your Mama», bringt es J.Lo auf den Punkt. Ausser natürlich Adele. Ihre Lieder sind der kleinste gemeinsame Nenner der grossen Masse. Hohe Kunst, wohlgemerkt. Aber nicht sonderlich feminin und schon gar nicht feministisch.
Die Männer hingegen irrlichtern ziel- und kopflos durch den musikalischen Äther. Mein Freund Hene sagt dem: schwanzloses Gesindel.
Nun werde ich Ihnen nicht die Freude bereiten, das absehbare Hohelied auf die echten Kerle der Heavy-Metal-Branche zu singen. Das wäre zu einfach. Wünschenswerter ist: Wenn männliche Popmusiker wieder zu ihrer Männlichkeit finden würden. Dann würde mir das Aufstehen mit SRF3 leichter fallen.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 2 17 (März/April)  

Christian
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Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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