Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #23 – Fitness- Musik

Fitness-
Musik

Es gibt ja viele Gründe, ins Fitness-Center zu gehen. Man kann dort zum Beispiel seine Sprungmuskulatur für die nächste Mosh-Party aufpeppen, seinen Nacken für den Helikopter stärken oder seine Arme für das Schwermetall-Luftgitarrenspiel aufpumpen. Ich übe mich auf so einem Ergometer-Ding in Durchhaltewillen, damit ich mich weiterhin unbeschadet durch die grausame Flut miserabler Musik zu den paar edlen Perlen durchkämpfen kann.
Das Problem im Fitness-Center ist, wie bekannterweise auch in jedem Einkaufs-Center und in jedem Parkhaus, die unsäglich blutleere Dummbatzmusik, die den ganzen Tag aus den Lautsprecherboxen kracht und wummert und sensitive Menschen wie mich am eigentlichen Training hindert. Natürlich hab ich dem Chef schon mehrmals vorgeschlagen, die Musik einfach abzustellen, doch der sagt dann immer, dass die Leute das so wollen. Nach mehreren Umfragen meinerseits ist mir aber noch niemand begegnet, der das so will. Ich weiss auch nicht, was da schiefläuft.
Immerhin: Im Fitness-Center, wo ich hingehe, hat sich mir unverhofft eine ganz neue Musikwelt aufgetan. Denn das erwähnte Ergometer-Ding steht direkt unter einer Boxe, und wenn man sich dort eine Stunde abmüht, hat man genügend Zeit, genau hinzuhören.
Zur neuen Musikwelt-Erkenntnis hat mich der Umstand geführt, dass die Boxen zwar korrekt vorne und hinten im Raum verteilt, aber falsch verkabelt sind. Deshalb klingt die Musik, wenn man sie nur aus einer Boxe hört, nach viel mehr als einer alten Aufnahme mit Stereo-Effekten. Sie klingt, als hätte der Mixer am Mischpult manche Kanäle offen und manche zu – und zwar nach Belieben: Im einen Song fehlen Gesang und Keyboard, im nächsten Gitarre, Bass und Gesang, dann wieder fehlen Geige und Gesang, während das Background-Chörli den Rest des Liedes trägt.
Und plötzlich klingen Popsongs vollkommen neu. Allein schon ohne das nervtötende Geplärre von Katy Perry, Alicia Keys und Rihanna klingen deren Lieder angenehmer. Wenn dann auch im Zufallsprinzip weitere Klangspuren und Instrumente fehlen, entstehen Lieder, die eine geradezu loungige Atmosphäre verbreiten.
Ja, genau, Lounge-Musik, dachte ich nach einer halben Stunde strampeln und zuhören, aber eben nicht so, wie Lounge-Musik funktioniert. Lounge-Musik funktioniert flächig, sie ist horizontal, indem mehrere Schichten von Klang übereinandergelegt werden. Ein Song hingegen funktioniert vertikal, indem sich eine Dynamik aus dem wechselwirkenden Einsatz von Instrumenten, Melodie und Gesang entwickelt. Was nun die eine Boxe der falsch verkabelten Anlage in meinem Fitness-Center von sich gibt, sind sozusagen horizontale Songs. Dynamische Lounge-Musik. Herrlich und spannend.
Das wäre, dachte ich dann bei Minute 45, eine gute Idee für ein Album: Man spielt korrekte Popsongs ein, entfernt ihnen dann nach Belieben Tonspuren und veröffentlicht am Ende eine ganz neue Dimension von Pop, der nichts mit Remix zu tun hat und auch keine Lounge-Musik ist.
Falls jetzt jemand auf die Idee gekommen ist, genau das zu tun und der Musikwelt eine neue Facette zu schenken: Ich bin gespannt auf das Ergebnis.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 1 17 (Januar/Februar 2017)

Christian
About Christian Hug 159 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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