Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #22 – Konzerte sind scheisse

Konzerte
sind scheisse

Ich dachte eigentlich, dass das allen sonnenklar ist, aber dem ist nicht so. Das wurde mir bewusst, als kürzlich zwei befreundete Musiker im Gespräch sagten: «So habe ich das noch nie betrachtet.» Darum hier nochmal zum Mitschreiben.
Also: Meine beiden Freunde sind gleichermassen Musiker und Konzertveranstalter, und sie stellten in besagtem Gespräch ziemlich entmutigt fest, dass «die Jungen», also die partytreibenden Twenty-Somethings, keinerlei Interesse an Live-Musik hätten. Ganz generell. Das stimmt natürlich. Leider. Und da setzte ich zwecks Begründung dieses misslichen Umstands zu meiner Rauchfrei-Theorie an.
Die geht so: Früher, als man in den Konzertlokalen noch rauchen durfte, da fanden sich die Konzertbesucher nach und nach im Lokal ein, holten ein Bier, steckten sich eine Zigarette an und plauderten mit Gleichgesinnten. Der Mixer liess heisse Musik übers PA laufen, und es herrschte eine erwartungsfrohe Atmosphäre im Saal, die immer kribbeliger und hibbeliger wurde, ja näher der Konzertbeginn rückte. Wenn dann die Band endlich auf die Bühne kam, war die Stimmung bereits auf 60, 70 Prozent, und die Band brachte diese innert Kürze auf 100 und mehr. Die Band rockte, der Saal rockte, und nach dem Konzert liess der Mixer nochmal coolen Sound laufen, die Leute tanzten weiter, und alles bestand irgendwie aus lauter Glück. Nach richtig geilen Konzerten ging das manchmal stundenlang weiter so.
Aber seit man nicht mehr rauchen darf im Saal, hat sich alles verändert. Die Konzertbesucher lümmeln jetzt vor dem Lokal im Freien rum, weil man nur draussen rauchen darf. Wenn die Band ihr Konzert beginnt, muss sie die Lautstärke erstmal aufdrehen, damit man draussen hört, dass es drinnen angefangen hat. Drinnen im Saal aber herrscht 0 Stimmung, weil ja kaum wer drin war vor Konzertbeginn. Die Band muss also mühsam Stimmung vom Nullpunkt aufbauen. Das dauert sogar bei richtig guten Bands mindestens eine halbe Stunde, bis die wenigsten auf 60, 70 Prozent sind. Kurz vor Ende des Konzerts ist dann die Stimmung perfekt, aber dann ist das Konzert auch schon zu Ende. Und die Leute gehen wieder raus, weil sie rauchen wollen. Die Stimmung im Saal verpufft innert Minuten wieder auf 0 runter, und die Konzertgemeinschaft verliert sich irgendwo im verdunstenden Freiluft-Rauch. Der After-Concert-DJ bemüht sich vergebens im leeren Saal.
Also ehrlich: Wenn ich heute 20 Jahre alt wär, warum sollte ich denn Konzerte schauen gehen? Konzerte sind heute scheisslangweilig, weil es fast unmöglich geworden ist, Stimmung und Atmosphäre im Saal aufzubauen.
Das Rauchverbot killt Live-Konzerte. Weil Konzertgänger grossmehrheitlich Raucher sind. Das ist so. Handkehrum hab ich noch nie einen Nichtraucher an einem Rockkonzert gesehen, der nur deshalb kam, weil jetzt seine Haare danach nicht mehr nach Rauch stinken.
Danke, liebe Nichtraucher, das habt ihr prima hingekriegt mit eurer Gesundheitsdiktatur.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 6 16 (November/Dezember 2016)

Christian
About Christian Hug 155 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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