Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #21 – Fort mit Schaden

Fort mit
Schaden

Shazam ist ja eine gute Sache, echt. Wenn ich irgendwo unterwegs bin und einen guten Song höre (was leider viel zu selten vorkommt, also den guten Song mein ich), drücke ich Shazam, und in immerhin ungefähr der Hälfte aller Suchanfragen bekomme ich Titel und Band des betreffenden Songs geliefert. Zu Hause gehe ich dann zu Amazon und checke das dazugehörende Album aus. So habe ich doch schon die eine und andere CD gekauft.
«Ha ha, CD?» rufen Sie jetzt erstaunt und preisen vielleicht die Vorteile des digitalen Musikhörens, Moderne nennt sich das, aber wir wollen da nichts überstürzen. Vor drei Wochen habe ich ein neues Handy erstanden, hab mir alle Daten via Backup übertragen lassen, und alles war okay – ausser dass meine Shazam-Tags verschwunden waren. Alle. Einfach weg. «Bitte melden Sie sich bei Shazam an» war da nur zu lesen. Jetzt ist der lieben Musikindustrie grad ein ansehnlicher Umsatz entgangen. Und ich kann wieder von vorne anfangen. Schöne Scheisse. Grad so schlimm: Mich plagt seither der beklemmende Verdacht, dass da irgend jemand in der digitalen Welt da draussen nach Belieben bestimmt, was ich muss oder nicht darf.
«Ja ja», sagen Sie jetzt vielleicht, «Digital kann man halt immer nachverfolgen.» Das stimmt. Aber das ist kein gutes Gefühl.
Und es kommt noch schlimmer: Letzte Woche hat sich mein Computer ins digitale Nirvana verabschiedet. Ohne Anzeichen von Altersschwäche. Im Grunde sogar ohne ersichtlichen Grund. Und das war ein noch viel unguteres Gefühl. Weil ja auf diesem Computer mein ganzes Arbeitsleben der letzten 15 Jahre drauf gespeichert war.
Ich ging also zum Compidoktor. Der runzelte unheilvoll die Stirn, sprach mir Mut zu, zog sich 3 Stunden in sein Labor zurück – und konnte meine Daten retten. Halleluja! Mit einer Ausnahme: Ein kleiner Datenpool widersetzte sich der Rettung und liess sich nur bruchstückhaft auf den neuen Computer übertragen, nämlich meine iTunes-Musiksammlung. Nicht mal mit meinem externen Backup liess sich was machen. Warum das so kam, weiss bis heute niemand. Die Hälfte aller Plattencover war verschwunden, ein Viertel aller Musik war entweder nicht mehr auffindbar oder doppelt kopiert. Und das bei etwa viereinhalbtausend Alben, die ich über die Jahre in sorgfältiger Handarbeit eingelesen hatte. Schöne Scheisse schon wieder. Seither verbringe ich überflüssigerweise Stunde um Stunde mit der Wiederherstellung meiner iTunes-Musiksammlung.
«Selber schuld», monieren Sie jetzt vielleicht, «wer speichert denn heute noch Musik auf dem Computer, wo doch Streaming so angenehm ist.»
Aber Streaming ist eben auch keine Lösung: Das ist offline nicht verfügbar, das klingt wegen der geringen Datenmengen grauenhaft, das Überangebot von 35 Millionen Songs lässt eigentlich keine ordentliche Übersicht zu, und für die liebe Musikindustrie bin ich kein Kunde mehr, sondern lediglich ein Marktforschungsindiz.
Tja, liebe Freunde, so ist das mit der digitalen Musikwelt. Sie bringt uns mit grösster Unbarmherzigkeit immer wieder zurück zur Erkenntnis, dass Hardware wie CD und Vinyl auf lange Zeit die sichersten Werte bleiben.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte, was selbstredend auch für das Album gilt, das er und seine unbebrillten Freunde angekündigt haben.

Tracks 5 16 (September/Oktober 2016)

Christian
About Christian Hug 149 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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