Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie: #17 – Manson go home!

Manson
go home!

Unseren lieben Freunden vom Schweizer Vierfarbenfernsehen fällt zu Marilyn Manson nichts Dümmeres ein, als den «Schockrocker» als «Übergott des Rock’n’Roll» zu bezeichnen (mit extrem lässiger Betonung des R bei «Rock» und einem langgezogenen Bonus-U nach dem O von «Roll»). Mal abgesehen davon, dass das organisationstechnisch gar nicht geht, weil darin sind sich die Christen, der IS und die Juden einig: Es kann nur einen Gott geben, und nichts steht über ihm (oder ihr). Also mal abgesehen davon hat Marilyn Mansons Musik nichts Göttliches beziehungsweise Ewiges beziehungsweise Schöpferisches an sich. Seine Alben sind zwar als Standard-Rock ganz okay. Aber in zehn Jahren wird niemand mehr seine Lieder nachsingen, weil sie einfach zu unbedeutend sind. In zehn Jahren wird Marilyn Manson seine Zeit mit Alice Cooper auf dem Golfplatz verbringen und hin und wieder in karierten Hosen ein Konzert geben, damit er sich neue Golfhandschuhe kaufen kann.
Warum ich das weiss? Mal abgesehen davon, dass man mit ein bisschen Schminke im Gesicht und verschiedenfarbigen Linsen in den Augen allerhöchsten als Kleinkinderschreck durchgeht? Weil Herr Manson so offensichtlich sich selber demontiert, dass ihn nicht mal Kleinkinder ernst nehmen können.
Denn: Ein Schockrocker jammert nicht in amerikanischen Talkshows, dass sich sein neues Album schlecht verkaufe, weil der letzte Highschool-Amokläufer vor dem Attentat seine Musik gehört hat. Ein Schockrocker geht auch nicht nach dem Konzert in den Hinterhof des Lokals und schneidet schwachsinnig Velopneus auf, wie letzthin in Zürich geschehen. Wie der «Blick» berichtete, soll er dabei «ich sterbe» gejammert haben, aber hey, philosophisch betrachtet wissen wir spätestens seit Sokrates, dass wir alle schon nach unserer Geburt mit Sterben anfangen. Ein Schockrocker verschüttet auf der Bühne nicht Kunstblut und sagt dann sein Konzert in Paris ab, weil er befürchtet, dass islamistische Suizidbomber erneut für echtes Shock-Treatment sorgen.
Und dann noch dies: Da hat sich der Herr Manson letzthin doch ernsthaft darüber beklagt, dass ihm zu viel Aufmerksamkeit zuteil werde. In der «Zeit» darauf angesprochen, sagte er: «Rockmusiker, die sich über Aufmerksamkeit beklagen, haben ein paar grundlegende Dinge nicht verstanden. Trotzdem erwarte ich, dass Grenzen akzeptiert werden.» Grenzen akzeptieren bei einem Schockrocker, der im selben Interview Sätze sagt wie «Chaos ist befreiend»? Das ist dermassen bestürzend dumm, dass ich jetzt echt nicht weiss, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Immerhin, etwas gelingt dem Schockrocker hervorragend: Er ist schockierend banal.
Und so findet am Ende der Titel des letzten Marilyn-Manson-Albums zu einer unverhofft enttarnenden Ehrlichkeit: Dieser Mann ist tatsächlich ein blasser Eroberer.
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass auch Bono Vox verboten werden sollte.

Tracks 1 16 (Januar/Februar 2016)

Christian
About Christian Hug 159 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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