Greenfield-Festival 2019: Partymeute VS Metaller

ah. Das Greenfield Festival in Interlaken nennt sich ja selbst “die härteste Party der Schweiz”. Das kann mitleidig belächelt werden, denn die härteste Party der Schweiz ist das Festival seit Ewigkeiten nicht mehr. Im Gegenteil: Leider wird das Greenfield von Jahr zu Jahr schlaffer. Wie viele Male die Bands schon auf der Bühne waren, könnt ihr hier nachlesen. Spoiler: Jede Band war mindestens (!) schon zwei Mal da… wenn nicht mehr. Trotzdem finden sich unter den müffelnden Fischen immer wieder Goldfische, die einen Besuch des Festivals irgendwie rechtfertigen. Dieses Jahr: Behemoth, Amon Amarth, Slipknot, Graveyard. 

Tag 1: Donnerstag 

19:30 Uhr spielte die polnische Death/Black Metal-Band Behemoth auf der Hauptbühne. Die Feuerstrahlen wirkten leider noch nicht so böse im hellen Licht – doch der anti-religiöse Druck donnerte über das Festivalgelände und jedem hätte sofort klarwerden sollen: Der Platzhirsch machte es sich quasi auf seinem Thron gemütlich. Und er sollte erst ganze sechsundzwanzig Stunden später davon vertrieben werden. Das mit dem Klarwerden war leider nicht jedermanns Sache. Da der Headliner am Abend Die Toten Hosen waren, spaltete sich das Publikum dementsprechend: In solche, die gerne Partymusik haben, und in solche, die sich gerne harten Metal reinziehen. Diese Aufteilung schien sich über die ganzen drei Festivaltage durchzuziehen. Mit einer Ausnahme: Graveyard, aber dazu kommen wir noch. 

Der Donnerstag konnte leider nicht mit mehr punkten, da der ganze Rest (wie zum Beispiel Halestorm, Feine Sahne Fischfilet, Beartooth, Die Toten Hosen) eher nette Unterhaltungsmusik zum feuchtfröhliche Mitschwanken war. Die haben ihre Sache durchaus gut gemacht. Doch “die härteste Party der Schweiz” würde mit anderen Bands auffahren… Nichtsdestotrotz muss man sich wohl eingestehen, dass die Anzahl der Bravohits-Fans, die eigentlich nichts (also wirklich, überhaupt nichts) an einer “härtesten Party der Schweiz” zu suchen hätten, in den letzten Jahren die Menge der Headbangender-Freunde des kräftigen Metals überstieg.

Tag 2: Freitag

Papa Roach leben noch! Eingerostet und nicht mehr so wie früher, aber hey: Wer sie mal sehen wollte, hatte hier die Gelegenheit dazu. Denn für die “härteste Party der Schweiz” darf die Lieblingsband von pubertären Skater-Fans nicht fehlen. Die Hauptbühne war auf alle Fälle gut besucht. Doch etwas mehr als eine Stunde später formierten sich Amon Amarth für den Kampf gegen den Göttervater Odin – wortwörtlich. Nebst einem Wikinger-Bühnenbild (ein riesiger Wikinger-Helm, worin sich der Drummer platzierte) besuchten immer mal wieder einige Darsteller die Plattform und “kämpften” in obligater nordischen Montur gegeneinander. Dass Odin zwischen den Schwertkämpfen höchstpersönlich mal vorbeischaute, verblüffte nicht. Trotz des Theaters auf der Bühne schafften es Amon Amarth, mit geballten Kräften den Boden zu elektrisieren. Diverse Songs aus der neuen Platte “Berserker”, die im Mai dieses Jahres erschien, bewiesen, dass Amon Amarth mehr können als einfach drauflosprügeln. Sie waren wie etliche andere Bands schon einige Male am Greenfield. Die kontinuierliche Verbesserung des Sounds und der Präzision liessen sie nicht umsonst in der Line-up-Hackordnung weiter nach oben rutschten, sie spielten als zweitletzte Band des Abends auf der Hauptbühne.

Nach Amon Amarth und einer Umbaupause trommelten sich Slipknot aus. Es lag wohl am Wind – es wurden einige Pavillons auf dem Zeltplatz weggeblasen –,  dass die Akustik weit vorne im Publikum leider zu schwach war. Man kennt Slipknot härter, lauter und weniger inszeniert. Letzteres hatte nichts mit dem Wind zu tun. Auch das Publikum schien weniger begeistert als bei Amon Amarth oder bei allen anderen Bands. Lag es an den enttäuschten Radiohörern im Publikum, denen Slipknot zu hart war? Lag es an der verwindeten Akustik? Lag es an einem sichtbar weniger energischen Clown an den Trommeln? Früher ging der ab wie ein Zäpfchen, da hat aber seine kürzlich verstorbene Tochter noch gelebt. Oder lag es an den neuen Masken, die irgendwie niemand wirklich mag? Nun denn, es war ein ordentliches Konzert. Leider nicht in der üblichen Slipknot-Manier.

Tag 3: Samstag

Das Festivalgelände wurde geräumt! Alle Besucher mussten für eine Stunde nicht nur zurück auf den Zeltplatz, sondern wenn möglich in ihre Autos. Ein Sturm fegte über den Flugplatz von Interlaken. Leider war genau in dieser Stunde unser Interview mit Graveyard angesetzt und musste wegen dem Ausnahmezustand abgesagt werden. Schade! Doch ist es lobenswert, dass die Veranstalter so gut reagiert haben. Es wurde via soziale Medien, der eigenen Festival-App und auf Bildschirmen informiert. Auch der neue Spielplan war schnell veröffentlicht. Die Spielzeiten der Bands verschoben sich um diese Stunde nach hinten, und es dauerte nicht lange, da waren die Gäste wieder auf dem Gelände und sammelten sich vor den zwei Bühnen. Eluveitie, Cellar Darling (deren Frontfrau Anna Murphy ein ehemaliges Mitglied von Eluveitie ist), Within Temptation und Sabaton befriedigten alle Fans, die auf melodiösen Metal stehen. Graveyard dagegen waren als einzige Retro-Rocker die Exoten im schon zweigeteilten Line-up: Sie passten weder zur Abteilung “Partyfolk” noch zu den Metal-Freunden. 

Ihre psychedelischen, Blues-beschmückten Lieder, kombiniert mit der rauchigen und fantastischen, einmaligen Stimme des Frontmanns Joakim Nilsson waren so überwältigend, dass man lediglich noch sagen konnte: “Halleluja!”. Es fehlte nur ein kitschiger Sonnenstrahl, der zufällig die Bühne mit Licht umhüllt hätte. Das war aber angesichts der späten Spielzeit nicht möglich. Leider tummelten sich wenige Fans der guten Musik vor der Bühne, denn Sabaton spielte als Headliner des Samstags auf der Mainstage. Nachdem sich Graveyard nach einem einzigen Lied als Zugabe und den Worten “Go home” verabschiedeten, besuchten wir die schwedische kampfbereite Band Sabaton. Trotz des Vorurteils, dass Sabaton keine Fans habe und mit der Zeit langweilig sei, überraschten sie mit einem energischen, sehr sauberen Auftritt. Der Drummer wurde dieses Mal nicht in einen Wikingerhelm gesetzt, sondern platzierte sich auf einem grossen Panzer. Das Publikum schien hellbegeistert, zumal es schien, dass sie Sabaton mehr feierten als Amon Amarth oder Slipknot. Was aber eigentlich auch nicht erstaunt, wenn man bedenkt, dass man auch zu Sabaton-Liedern wunderbar mitträllern kann.

Übrigens: Wir durften mit Sabaton-Frontmann ein Interview machen, noch bevor der Donnergott sich über das Festival hermachte. Bleibt gespannt!

Aline
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Die Helden: Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, Jim Morrison.

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