GONOREAS Musiker in Vollzeit EFZ

Es ist ein Weilchen her, seit „Minotaur“ Ende Februar veröffentlicht wurde. In der Zwischenzeit haben die Jungs aus Brugg einige Shows im In- und Ausland gespielt und so ihre neuen Songs erfolgreich unter die Leute gebracht. Im Gespräch mit Saitenzauberer, Gitarrenlehrer und Konzertveranstalter Damir Eskic eruiert TRACKS, was „Minotaur“ von den Vorgängeralben unterscheidet, was das Griffbrett mit Schnürsenkeln zu tun hat und was er neben Gonoreas noch Interessantes auf der Herdplatte hat.

Euer neues Album „Minotaur“ klingt wesentlich sperriger als euer vorheriges Material. Ihr habt euch etwas von den Melodien wegbewegt und dafür den dunklen, härteren Parts Raum gegeben.

Das war pure Absicht. Ich unterscheide zwischen Hobbymusikern, die neben ihrem Hauptjob Musik machen, wie andere Leute zum Beispiel Briefmarken sammeln, und Vollzeitmusikern, die sonst keinem weiteren Job nachgehen. Gonoreas sind eine Band, die aus Vollzeitmusikern besteht und daneben auch ihre Instrumente als Lehrer unterrichten. Unser Bassist hat zwar auch einen Dayjob, aber er spielt verschiedene Instrumente und ist sehr tief in der Musik verwurzelt. Mit „Minotaur“ wollten wir uns alle musikalisch zurücknehmen, uns mehr auf uns als Band konzentrieren. Es sollte ein Album werden, das wir so noch nie gemacht hatten. Wir wollten uns vom Kitsch trennen und experimentieren, mehr Düsternis hineinbringen, und das haben wir musikalisch und textlich versucht umzusetzen. Das ist auch allen, die das Album gehört haben, aufgefallen. Die einen meinten, wir hätten endlich mal ein Album aufgenommen, dass sie auch hören mögen, und die anderen sagten, sie könnten überhaupt nichts damit anfangen. Auch die bisherigen Reviews kann man in diese zwei Lager aufteilen. Wir werden ja oft mit Iced Earth und unser Sänger mit Bruce Dickinson verglichen, aber um dem Vergleich mit „Minotaur“ standhalten zu können, hätten wir viel mehr Melodie darauf unterbringen müssen.

Wir wollten uns ganz einfach mal künstlerisch für uns selbst betätigen. Wenn wir immer die gleiche Trommel wirbeln und ständig die gleiche Platte aufnehmen würden, hätten wir uns wahrscheinlich schon aufgelöst, weil wir als Künstler nicht mehr miteinander funktionieren könnten. Wir brauchen solche Experimente für uns selber, unabhängig vom Publikum. Unsere Egos sind mittlerweile gross genug, dass wir mal ein Album nur für uns aufnehmen können (lacht).

 

Du bist in eurer Band der Liebhaber von klassischen Gitarrenvirtuosen wie Yngwie Malmsteen. Sänger Leandro hingegen ist das komplette Gegenteil von dir, da er auf skurrile und sehr düstere, dissonante Dinge wie zum Beispiel Diamanda Galas steht. Wie gross war sein Einfluss auf „Minotaur“?

Sein Einfluss ist schon seit einer Weile recht gross, nicht nur auf „Minotaur“. Die Grundbausteine der musikalischen Kompositionen kommen meistens von mir, aber es gibt auch Songs, die auf Gesangsideen von Leandro basieren und die wir dann über seine Gebilde herum bauen. Aber wir haben jetzt bewusst auf alles verzichtet, was Hörer von uns erwarten würden. Das ist aber trotzdem keine Richtlinie für uns oder ein neuer Fahrplan. Wir haben nicht vor, uns komplett zu verändern. Selbst Leandro hat nach dem Ende der Aufnahmen im Studio gesagt: „Boah, das ist aber ganz schön heavy! Vielleicht sollten wir nächstes Mal wieder ein bisschen mehr Judas Priest reinlassen.“ (lacht). Es ist schwieriger, einen Zugang zu den Songs zu finden, das ist richtig. Wir wollen die Hörer fordern. Das Album ist nicht progressiv, denn dafür hätten wir viel mehr und durchdachter komponieren müssen. „Apocalypse“ war sehr durchkomponiert, melodiös und durchdacht. Wenn ich mir heute meine Soli von der Scheibe anhöre, wundere ich mich, wie schnell ich damals gespielt habe. „The Mask Of Shame“ geht in eine ähnliche Richtung, aber auf „Destructive Ways“ ist das schon etwas weniger der Fall und jetzt haben wir noch mehr Spontaneität walten lassen. Ein Teil der Platte ist erst direkt im Studio bei den Aufnahmen entstanden, so auch fast alle Soli. Sie sind improvisiert und auch erst bei den Aufnahmen im Little Creek Studio bei V.O. Pulver zu Stande gekommen.

Wie machst du das dann live? Improvisierst du auf der Bühne auch, oder spielst du, was auf der Platte ist?

Wenn es wichtige Melodiebögen sind, die zum Song gehören, dann spiele ich sie wie auf der Platte. Einzelheiten und Details müsste ich allerdings erst wieder mehrmals hören und lernen. Im Moment habe ich auf solche Sachen aber gar keine Lust. Wir geniessen das Spontane und was daraus entsteht.  

Ist es dir schwergefallen, auf deine klassische Shredder- und Guitarhero-Rolle zu verzichten?

Nein. Ein paar der Songs haben noch diese klassischen Finessen drin, aber eine andere Rolle einzunehmen, stört mich überhaupt nicht. Ich bin zwar nicht der begnadete Jammer, aber wenn du jetzt Bock hättest, eine Bluessession zu spielen, würde ich mit dir den Blues spielen. Das mache ich ja mit meinen Schülern auch. Ich habe kein Problem damit, verschiedene Rollen zu übernehmen, das bin immer ich. Auch auf „Minotaur“.

Also hast du genau so viel Spass an den rohen, ungeübten Dingen, wie an der „Shredding à la Malmsteen“-Facette.

Was mir an Gonoreas gefällt, ist, dass wir wirklich tight sind. Selbst bei einem Soundcheck vor einer Show merke ich, dass wir wirklich fühlen, was wir spielen.

Daneben bin ich ja eigentlich diplomierter Jazzer. Theoretisch könnte ich jeden Song kaputtmachen, mit diesen Milliarden von Tönen, die man im Jazz nutzen kann. Aber das mache ich nicht. Ich bin auch nicht unbedingt ein guter Jazz-Gitarrist und konsumiere auch keinen Jazz. Ich höre eher nur klassischen Old School Heavy Metal. Aber grundsätzlich macht mir Musik der Musik halber einfach Freude. Wer weiss, vielleicht ist auf unserem nächsten Album wieder was ganz anderes am Start.

Was ist dir als Gitarrenlehrer das Wichtigste, das du deinen Schülern vermitteln möchtest?

An erster Stelle steht immer das Spielen. Jeder meiner Schüler spielt nach zwei oder drei Lektionen irgendwas auf der Gitarre. Ich bin das Gegenteil von den Lehrern, die zuerst die Tonleiter rauf- und runterexerzieren und Arpeggios lehren, Quintenzirkel ausarbeiten und Kirchentonarten ausbauen. Das ist nicht mein Ding. Als ich angefangen habe, aktiv Musik zu hören, war da die Begeisterung. Anthrax, Iron Maiden, Sex Pistols oder Exploited liebe ich heute noch! Das hat mich nie losgelassen. Einige meiner Studienkollegen sind zusammen mit mir als Thrashmetaller in die Gitarrenschule gegangen und nach einem Jahr mit geschnittenen Haaren um die Ecke gekommen und haben gesagt, sie seien jetzt Jazzer, weil Metal ja total blöd ist. Klar greifst du tiefer in die Musikmaterie, wenn du Jazz machst. Aber uns Metaller, egal aus welcher merkwürdigen Richtung du kommst, verbindet eine spezielle Leidenschaft mit unserer Musik. Jazzer sind vor allem auf der Suche. Sie suchen nach dem perfekten Ton und nach dem perfekten Moment. Ich bin zwar auch auf der Suche, aber durch meinen Zugang zu anderer Musik habe ich diese Leidenschaft, die Jazzer so nie haben werden. Und diese Leidenschaft versuche ich auch in den Schülern zu wecken. Welches ist der einfachste Akkord auf der Gitarre?

Richtig, E Moll. Damit fange ich an, obwohl das eigentlich völlig falsch ist. Die Gitarre ist ja eines der schwierigsten Instrumente. Du hast die Tonleitern vertikal und horizontal und auf drei Fingersätzen. Als ich zur Prüfung gegangen bin, hiess es: „Spiel mixolydisch, b9, b13, dritter Finger, fünfte Saite“. Dann ging das Metronom an und ich musste das spielen.

Der Sinn dessen liegt wo?

Dass du dich auf dem Griffbrett auskennst. Du musst dich auf dem Griffbrett so auskennen, wie man sich die Schuhe zubindet. Du hast so viele Akkorde und Verbindungen zu einzelnen Tönen, dass du das einfach im Schlaf können musst. Aber den Schülern bringe ich erst mal bei, wie man spielt. E Moll, dann A9.

Und dann kannst du schon fast alles von Bob Dylan spielen.

(lacht) Genau! Aber genau darum geht es ja. „Sailing“ ist ein guter Song zum Anfangen. Einige Schüler wollen dann direkt Rihanna oder Katy Perry spielen können. Bei mir sind die Schüler die Chefs, ich zeige bloss die Richtung. Aber trotzdem muss ich ihnen manchmal sagen, dass wir vorher erst noch andere Dinge lernen müssen, um an dieses oder jenes Ziel zu kommen. Es gibt die Schüler, die zu mir kommen und sagen: „Ich habe mir eine Gitarre gekauft und möchte in sechs Monaten Slipknot können. Du kannst schnell spielen, bring mir das bei.“ Ich kann ihm Slipknot beibringen, aber erst muss ich den Schüler sehen und kann ihm dann nach zwei oder drei Lektionen sagen, ob das nach sechs Monaten realistisch ist. Sehen tue ich das schon vorher. Einem Mädchen musste ich tatsächlich mal nahelegen, die Gitarre wieder zu verkaufen, weil Musik nicht ihr Ding sei. Wir haben Lauf- und Klatschübungen gemacht und da war wirklich kein Rhythmusgefühl vorhanden und auch die Körperhaltung trug dazu bei. Sie war nicht in der Lage, mit Musik auf einen grünen Zweig zu kommen. So etwas passiert nicht oft, aber es passiert. Es gibt sehr selten Fälle von arhythmischen Schülern und wenn du das bist, dann macht es keinen Sinn. Wenn du etwas vormachst und der Schüler macht es völlig krumm nach, hat aber das Gefühl es würde stimmen, dann geht es nicht. Es ist auch ein psychologisches Problem, denn du kommst praktisch an kein Ziel, ohne die Person zu verletzen. Dann sagst du lieber, dass das Geld woanders besser investiert wäre.

Auch das ist die Pflicht eines Lehrers.

Leider ja. Zum Glück passiert das nicht oft. Musik ist für mich Freude, und die versuche ich zu vermitteln. Wenn jemand zu mir in den Unterricht kommt und Blues oder Black Metal spielen lernen möchte, dann gebe ich mir alle Mühe, dass dieser Schüler das durch Freude lernen kann. Mein Ziel ist, dass sie lachend in die Stunde kommen und sie auch lachend beenden. Musik ist Freude.

Diese Freude teilst du mit deiner Frau Romana, die Gitarristin bei der Newcomerformation Burning Witches und bei Atlas & Axis ist. Wie ergänzt ihr euch als Partner und Musiker?

Stell dir das grösste Glück vor, das du im Leben haben kannst. So sind wir. Wir funktionieren perfekt zusammen. Wir respektieren uns sehr. An der Gitarre hat jeder von uns seine Stärken und Romana hat ein ganz erstaunliches Gehör. Sie ist praktisch im Opernhaus hinter der Bühne gross geworden und hat von dort ein bemerkenswertes Gehör mitbekommen, das ich niemals haben werde. Wenn ich zum Beispiel eine neue Platte von irgendwem höre, hat sie damit schon nach viermaligem Hören abgeschlossen und alles herausgehört, wo ich hingegen noch nicht mal bei den Songs angekommen bin. Das fasziniert mich. In letzter Zeit mussten wir viel Freizeit für unsere Bands hergeben, aber wir sind ein eingespieltes Team und deshalb funktioniert auch das sehr gut.

Funktioniert das aus dem Grund so gut, weil ihr die gleichen Interessen habt?

Bestimmt. Ich kenne mich und weiss, welchen grossen Teil die Musik in meinem Leben einnimmt und auch bestimmt. An gescheiterten Beziehungen in der Vergangenheit habe ich gelernt, dass es nicht so gut kommt, wenn man verschiedene Interessen hat. Vor allem, wenn ein Partner wirklich sehr engagiert mit einem Thema ist. Weißt du, wenn ich mit Romana Gitarre spiele und Songs schreibe, dann kann es sein, dass wir die Zeit vergessen, weil wir beide im gleichen Moment sind und die Zeit einfach keine Rolle spielt. Früher war das nicht möglich, da stand immer jemand mit dem Finger auf der Uhr daneben und dann gab es Stress. Romana ist wie ich, deshalb ergänzen wir uns perfekt als Menschen, als Musiker und als glückliche Personen. Ich kann mir kein anderes Leben vorstellen als das, was ich seit elf Jahren mit ihr teile.

Du bist ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Neben deinem Job als Gitarrenlehrer spielst du bei Gonoreas, stehst den Burning Witches zusammen mit Schmier von Destruction zur Seite und organisierst auch noch Konzerte.

Richtig. Da gibt es das Swiss Metal Masters in Wohlen und das Swiss Metal Attack im Z7 in Pratteln. Das habe ich von meinem Vorgänger übernommen, weil ich vom Z7 angefragt wurde, ob ich Interesse daran hätte. Ich kenne viele Bands und mir macht das Spass, also habe ich zugesagt. Man kann entweder zuhause rumsitzen, oder aber spielt bei einem Event. Und auch wenn immer ein Risiko dabei ist, hält mich das normalerweise nicht davon ab. Mir geht es nicht darum, das grosse Geld zu verdienen, sondern ein gutes Netzwerk aus Bands und Venues aufzubauen und zu nutzen. Manchmal geht das nach hinten los, aber dann schaut man, dass es beim nächsten Mal besser läuft. Man muss halt mit dem Herzen bei der Sache sein, nicht mit dem Portemonnaie.

Diese Philosophie wendest du ja nicht nur den Bands gegenüber an, sondern auch beim Publikum. Du hast beim Metal Masters in Wohlen elf Bands verpflichtet, für die der Zuschauer nur 20.- Franken Eintritt bezahlt hat. Sowas macht ja heute keiner mehr.

Uns eilt ein Ruf voraus (lacht). Man nennt uns mittlerweile das „Brugger Kartell“. Wir haben uns schon überlegt, ob wir mit allen Bands, die das betrifft, eine Facebook-Seite aufmachen und auf dem Profilbild in Anzügen im Mafiastyle posen (lacht). Ernsthaft: Wir haben ein Hammerteam, das aus Leuten besteht, die freiwillig mitmachen. Ohne die Unterstützung dieser Leute, die an einem Abend zum Beispiel an der Bar oder an der Kasse stehen, würde ich das niemals tun. Und was die Infrastruktur angeht, haben wir über all die Jahre ein so gutes Netzwerk an Kontakten auch in den Gemeinden, die uns ebenfalls unterstützen und mitarbeiten. Es bleibt nie viel hängen, aber bisher sind wir zum Glück auch noch nicht gross ins Minus gerutscht. Gonoreas finanziert sich seit ungefähr vier Jahren selber, das braucht einen gewissen Aufwand. Den betreiben wir eben auch mit den Veranstaltungen. Und zusammen mit dem grossartigen Team läuft das sehr gut.

Lass uns abschliessend noch die nächsten Aktivitäten mit Gonoreas aufzählen.

Neben der nächsten Songwritingphase findet im Mai eine kleine Tour statt, die erst nach Kroatien und Bosnien und dann ins Wallis und nach Österreich führt. Ein paar Open Airs stehen noch auf dem Plan und im Herbst sind wir mit den Burning Witches in Spanien unterwegs.

Inga
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