DEAD CAN DANCE Dionysus

DEAD CAN DANCE
Dionysus
Pias/Musikvertrieb

Zwei Jahre hat Brendan Perry an diesem Werk gearbeitet, und wenn das wirklich so ist, muss der Gute täglich von morgens früh bis abends spät drangeblieben sein: Perry ist den Spuren von Dionysus nachgegangen, dem antiken griechischen Gott des Weines, der Ekstase und der Lebensfreude, der die Menschen am Ende ihres Lebens auch zum Hades begleitete. Auf dessen Spur kam Perry, als er bemerkte, wie viele Feste und Rituale in und um Griechenland noch heute gefeiert werden, die ihren Ursprung in uralten Dionysus-Kulten haben. Worauf er seine Suche nach Ekstase-, Fruchtbarkeits- und berauschten Totenkulte auf die ganze Welt ausdehnte und schliesslich daraus zwei Stücke (16 und 19 Minuten) entwickelt hat, die ihrerseits in insgesamt sieben Kapitel unterteilt sind und auf der Grundlage eines Oratoriums basieren. Das klingt jetzt sehr anspruchsvoll und kompliziert. Macht aber nichts: Was Dead Can Dance auf ihrem neuen Album geschaffen haben, ist auch ohne das Wissen um diesen Hintergrund bahnbrechend spannend: Instrumente aus verschiedensten Ländern sind auf «Dionysus» vereint, spirituelle islamische und christliche Gesänge, religiöse Choräle aus dem 16. Jahrhundert, Gezwitscher von Vögeln aus Brasilien und Mexiko, sogar eine Schweizer Ziegenherde lässt im zweiten Akt die Glocken bimmeln. Zusammengehalten wird dieser scheinbar unvereinbare Kosmos einerseits von Perrys reinem Genie und der Dead-Can-Dance-typischen Rhythmik, und zwar in einer Dichte, Stringenz und Eingängigkeit, die angesichts dieses mit Themen und Geschichten vollgestopften Werks verblüfft. Dass Lisa Gerrard, die beste Sängerin der Welt (höre «Celon» aus dem Solo-Album «The Mirror Pool»), sich bei so einem maskulinen Thema zurückhält, ist zwar logisch, aber natürlich vermissen wir ihre Stimme mit jedem gesangslosen Part. Im zweiten Akt aber symbolisiert sie die weibliche Seite von Dionysus, weil der ja, nun ja, mit dem Rausch auch gerne mal ne Nummer schob. «Dionysus» ist ein Werk von komprimierter, globaler Trance (also nicht der Musikstil, sondern der Zustand) von erhabener Grösse, ein überwältigender sprichwörtlicher musikalischer Kosmos. Das Cover zeigt eine Ritualmaske der Huichol in Mexiko, die für ihre Peyote-Rituale bekannt sind.
Dead Can Dance sind übrigens im kommenden Mai auf Tour und haben noch kein Schweiz-Konzert angekündigt. Irgendjemand soll die aber sofort buchen!

Christian Hug

Christian
About Christian Hug 159 Articles
Seit den Sex Pistols «into music», seit 2001 freier Journalist und Buchautor. Jahrelange Mitarbeit im «Music Scene», «Toaster», TagesAnzeiger - Ernst», «Style» und andere. Kein MP3-Freund.

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